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HAT MEINE (EINE) „PSYCHOSE" EINEN SINN?

Gedanken und Erfahrungen von Wini

 

„Der Mensch trägt das letzte grundlegende Geheimnis in sich, und es ist ihm auf die unmittelbarste Weise zugänglich; deswegen kann er hoffen, nur dort den Schlüssel zum Rätsel der Welt zu finden, um einen Einblick in das Wesen aller Dinge zu gewinnen."

Arthur Schopenhauer (1788-1860)

Als ich mein erstes psychotisches Erlebnis hatte (1965, ich war siebzehn), wußte ich von solchen Gedanken noch nichts. Und auch in meiner letzten psychotischen Phase (1991) hatte ich von diesen Überlegungen keine Ahnung. In diesem langen Zeitraum meines Lebens hatte ich vier sogenannte manische Episoden. In meinem Bewußtsein (oder ist es die Seele?) spielten sich unvorstellbare Dinge ab. Von der gängigen Psychiatrie wird dies als Größenwahn, Halluzination oder gar als Schizophrenie abgetan und als Stoffwechselstörung des Gehirns größtenteils medikamentös behandelt und damit unterdrückt. Fachlicherseits wurde mir das irgendwann einmal als endogene Psychose erklärt. Die Unterbezeichnung hieß „manisch-depressiv". Hilfreich sind solche Bezeichnungen nicht. Ich möchte kurz ein paar solcher schwer vorstellbarer Gedanken mit anführen, obwohl es nicht einfach ist, so etwas in Worte zu fassen. Richtig etwas damit anfangen kann nur jemand, der das selbst schon einmal in ähnlicher Weise erlebt hat.

Ich zeigte innerhalb relativ kurzer Zeit, d.h. in wenigen Tagen ein völlig verändertes Verhalten in meinen Charaktereigenschaften. Soweit mich das 1965 das erste Mal betraf, war ich davon vollkommen begeistert und der Meinung, daß ich jetzt erst richtig leben konnte. Ich war für meine Umwelt aber nicht mehr die Person, die ich einmal war. Meine Eltern und die anderen nächsten Verwandten und Bekannten waren ratlos, auch ein Arzt konnte zum Schluß nur eine Einweisung in eine psychiatrische Anstalt empfehlen. Meine Eltern stimmten zu, sie konnten nicht anders entscheiden. In dieser Klinik wurde ich ausschließlich und intensiv mit Psychopharmaka behandelt. Nachdem ich danach zwei Jahre ziemlich mißmutig vor mich hin gelebt hatte (daß das eine depressive Phase war, wußte ich nicht), tauchten die gleichen Symptome wieder auf. Ich wollte die Welt verbessern und hatte auch im Gefühl, wie ich das anstellen wollte. Es wurde aber wieder für die Beteiligten sehr chaotisch, und ich landete wieder in der Klinik. Mit Psychopharmaka konnte ich aber nicht mehr in den „normalen" Zustand gezwungen werden. Ich bekam zusätzlich eine Serie Elektroschocks. Jetzt war 19 Jahre relative Ruhe. Mein beschädigtes Gehirn benötigte wegen dieses aggressiven Eingriffs eine längere Zeit der „Reparatur". Noch intensivere Erfahrungen hatte ich im Sommer 1986. Eine Vision dieser Zeit war, daß ich sah, oder besser gesagt ich fühlte, daß es auf unserem Planeten zu einer größeren Katastrophe kommen würde, die einer Reinigung gleichkam. Die Erde wurde zu einem paradiesischen Ort. Industrie war nicht mehr wahr-nehmbar. Die Erde war ein Planet, auf dem eine wunderbare Harmonie herrschte. Ich sah unseren blauen Planeten in hellen, lichtgrünen Farben. Die Fortbewegung erfolgte nur durch Muskelkraft oder mittels natürlicher, erneuerbarer Energiequellen, wie z.B. Solar-, Wasser- und Windenergie bzw. mit Energien, die noch gar nicht bekannt sind. Ich sah einen „Urlaubsplaneten". Ich wollte die Zeitdauer bis zu diesem fast unvorstellbaren schönen Leben selbst noch verkürzen, indem ich nachhalf, die herkömmlichen Energien schneller zur Neige gehen zu lassen. Ich drehte am Gasherd alle Brenner an, ließ das heiße Wasser aus der Therme laufen und brannte alle Lampen an. Man kann sich vorstellen, daß solch eine Aktion bei meinen Mitmenschen schon Besorgnis auslöste, zumal zu diesem Zeitpunkt hochsommerliche Außentemperaturen herrschten. Heute kann ich über diese Vorgehensweise lächeln, damals war es mir sehr Ernst damit. Die zweite, für mich sehr wichtige, Vorstellung war, daß ich glaubte oder besser gesagt wußte, daß das, was Jesus Christus zu seiner Zeit vollbracht hat, mir ebenfalls möglich ist. Die dritte Problematik, die ich bewältigen wollte, war die Schaffung eines neuen Bildungssystems, welches auf ganz anderen, als auf den zu dieser Zeit bekannten Prinzipien beruhte. Meine Grundüberzeugung war, daß das Gute im Menschen schließlich die Oberhand gewinnen würde. Ich ging in meinen Vorstellungen sogar soweit, daß ich behauptete, ich könne den schlimmsten Verbrecher zum Guten bekehren. Das alles paßte wieder nicht in die Normalität und durch mein Verhalten landete ich wieder in der Psychiatrie mit ihren unveränderten Behandlungsmethoden. Danach fiel ich in ein tiefes Loch. Ich war verzweifelt. Ich wußte nicht mehr, worauf ich mich verlassen sollte. Auf der einen Seite hatte ich nichts von meinen Visionen vergessen, andererseits wurde mir gesagt, daß es sich dabei um eine schlimme, unheilbare Geisteskrankheit handele. Was sollte ich nun glauben? Das, was mir erzählt wurde, oder das, was ich selbst erlebt habe. Diese schwierige Situation brachte mich letzten Endes in eine schwere Depression, welche fast fünf Jahre andauerte. Im tiefsten Inneren sehnte ich mich nach dem zurück, oder besser gesagt, nach vorn, was den Inhalt meiner Vorstellungen von einer besseren Welt ausmachte. Daß ich krank sein sollte, wollte ich auch jetzt nicht glauben. Ich litt sehr an diesem tiefen Zwiespalt und hatte auch keine Vorstellung davon, wie ich da wieder herauskommen konnte. Fünf Jahre bekam ich ein Lithiumpräparat (es sollte eine neue manische Phase mildern, was Gott sei Dank nicht gelang) und die verschiedensten Antidepressiva mit all ihren Nebenwirkungen. Das Wunder gelang noch einmal. Im Dezember 1991 war es wieder soweit, alle Symptome hatte ich wieder und intensiver als je zuvor. Einzelheiten darüber würden allerdings den Rahmen dieser Seiten sprengen. Glücklicherweise ließ mich meine damalige Psychiaterin etwas im Stich und ich mußte einige Entscheidungen selber treffen. Es wurde alles wieder sehr chaotisch und für meine Familie extrem belastend, so daß ich zuletzt wieder in einen Klinikaufenthalt einwilligte. Ich wurde aber sofort wieder mit HALDOL behandelt und hatte keine Lust mehr auf einen mehrmonatigen Eingriff in meine Freiheit. Ich entzog mich nach vier Stunden durch Flucht über die Mauer der geschlossenen Station jeder Behandlung. Nach und nach setzte ich alle Medikamente ab und versuche seit dieser Zeit mein Leben mit Gottes Hilfe selbst zu gestalten. Große Hilfe habe ich hierbei durch meine Frau, die Beteiligung in mehreren Selbsthilfegruppen, die Mitgliedschaft im Bundesverband der Psychiatrie-Erfahrenen und durch eine innere Kraft, die sich nicht zuletzt aus meinen psychotischen Erfahrungen schöpft. Die wichtigsten Erkenntnisse aus meinen Erfahrungen sind, daß solche „Krankheiten" heilbar sind. Es ist unumgänglich, den Sinn seiner Psychose zu erforschen und jede Psychose hat einen Sinn, wenn dieser auch nicht so leicht zu erkennen ist. Ich versuche das für mich herauszufinden und das jeden Tag aufs Neue. Da ich meinen Bericht mit einem Zitat begonnen habe, möchte ich auch an das Ende eins setzen:

„Wenn du an den Tag bringst, was in dir ist, wird, was du hervorbringst, dich retten.

Wenn du nicht an den Tag bringst, was in dir ist, wird, was du nicht hervorbringst, dich

verderben." Aus dem Thomas Evangelium

(Was ich hiermit bestätigen möchte.)

Wini