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Verschlimmbesserungen"
durch Behandlung und Betreuung - aber auch gute Erfahrungen mit Psychiatrie
und Therapie und
offengebliebene Fragen Katastrophale Behandlung und Betreuung Als ich zum ersten Mal die Diagnose Psychose des schizophrenen Formenkreises" erhielt, war ich 35 Jahre alt und in eine Tagesklinik aufgenommen worden. Nach 6 Monaten wurde ich mit einer Dauermedikation eines hochpotenten Neuroleptikums entlassen. In dem Entlassungsbericht der Tagesklinik wird mein damaliger Zustand als verbessert" dokumentiert. Diese Verbesserung" sah für mich damals so aus: Zu Beginn der Behandlung hatte ich aufgrund einiger aktueller Lebensprobleme vieles, über das ich nachdenken mußte. Weiter kamen mir Erinnerungen in großer Menge entgegen. Meine Fähigkeit Handlungen auszuführen, litt darunter, somit auch meine Arbeitsfähigkeit, was für mich der Hauptgrund war, eine Klinik aufzusuchen, da ich die erlebten Dinge und Schwierigkeiten auch nicht einzuordnen wußte. Das waren nicht die einzigen Symptome, und im Hinblick auf die übliche psychiatrische Terminologie (die ich allerdings persönlich für sehr fragwürdig halte) war die Diagnose sicherlich korrekt. Zur Zeit der Entlassung konnte ich unter der vorerwähnten Medikation keinen zusammenhängenden Satz oder eine Anweisung verstehen. Im Gegensatz zu vorher konnte ich nun kaum noch denken und war sehr hilflos und verzweifelt. Mein äußeres Erscheinungsbild war vorher in Ordnung. Ich war normalgewichtig in die Klinik gekommen. Übergewichtig, aufgedunsen, ungepflegt wurde ich entlassen. Das Problem, nicht in Reihenfolgen handeln zu können, hatte sich durch das Nicht-mehr-denken-können weiter verschlechtert. Körperpflege, Kleiderreinigung u.ä. waren mir fast gar nicht mehr möglich. Wenn ich irgendwo saß, schaukelte ich mit dem Oberkörper hin und her. Als Nebenwirkungen des Medikaments waren meine Finger gekrallt wie Vogelklauen und mein Mund in andauernden Kaubewegungen. Dies war willentlich nicht kontrollierbar. Von meiner psychischen und geistigen Verfassung her war ich auf den Zustand eines 3- bis 4-jährigen Kindes abgesunken. Ich wirkte nach außen nun sehr auffällig. Ich hatte kaum eine Wahrnehmung für das Zeiterleben (Wochentag, Monat, Jahreszeit hätte ich nach spontaner Nachfrage nicht benennen können). In diesem Zustand war ich von Seiten der Tagesklinik entlassen und als arbeitsfähig eingestuft worden. Zu dem Zeitpunkt war ich als Sachbearbeiterin im Verwaltungsbereich mit viel Publikumsverkehr angestellt. Bekannte, Freunde, Arbeitskollegen und vor allen Dingen der Arbeitgeber waren darüber entsetzt, wie ich aussah, keinem Gespräch folgen konnte und nicht mal die einfachsten Handlungsanweisungen verstand. Von der Tagesklinik aus hatte ich einen Zettel mitbekommen, auf dem die Adresse eines Arztes stand, zu dem ich wechseln sollte. Mir wurde abgeraten, den vorherigen Arzt aufzusuchen, der die Einweisung für die Klinik geschrieben hatte. Der vorgeschlagene Facharzt für Psychiatrie, bei dem ich die nächsten dreieinhalb Jahre war, fand auch nichts Außergewöhnliches an meiner Erscheinung. Er drängte mich dazu, immer weiter die Medikamente zu nehmen, die eine Verschlimmerung meines körperlichen und psychischen Zustandes herbeigeführt hatten. Meine Dienstvorgesetzte rief in der Tagesklinik an und meinte, dass ich überdosiert wirke, womit sie recht hatte. Meine Chefin teilte mir dann mit, dass sie dort die Auskunft erhalten habe, dass dies die Symptome meiner Krankheit seien (die Nebenwirkungen der Medikamente). Nun wurde mir vom Arbeitgeber die Kündigung angedroht, weil meine Arbeitsfähigkeit durch meine Nebenwirkungs"-Krankheit auf Null gesunken war. Gleichzeitig machte dieser wiederum Druck, dass ich die Medikamente weiternehme, die den Kündigungsgrund verursachten, wohl in dem Glauben, dass sich mein Zustand dann verbessern würde. Ebenso bedrängte mich in Telefonaten der Psychologe der Tagesklinik - wo ich schon längst nicht mehr Patientin war - und wandte sich an meinen behandelnden Arzt, der mich daraufhin von Tabletten auf Depotspritzen setzte. Ein alptraumhafter Kreislauf hatte begonnen. Ein Jahr später lebte ich in einer betreuten Wohngemeinschaft, weil ich unter den Medikamentenbeeinträchtigungen auch meine Wohnung nicht mehr versorgen konnte. Betreuungsverein und Tagesklinik hatten den gleichen Trägerverein. Die Betreuerin, die zuvor als Therapeutin in der Tagesklinik gearbeitet hatte und mich kannte, wandte sich ebenfalls an meinen Arbeitgeber und behandelnden Arzt zwecks Überwachung des Krankheitsverlaufs" und der Medikation. Dies alles unter dem Aspekt, dass ich weder suizidal war, noch jemals eine Fremd- oder Selbstgefährdung, keine Gewaltdrohung oder irgendetwas in der Art von meiner Seite vorgelegen hat. Den Aufenthalt in der Tagesklinik hatte ich ja selbst in die Wege geleitet, allerdings in Unkenntnis dessen, was mir dort bevorstand. Dass ich meine Stelle unter diesen Umständen erst einmal behalten habe, verdanke ich einem Tipp aus meinem privaten Umfeld, einen Schwerbehindertenausweis beim Versorgungsamt zu beantragen. Während dieser Zeit wurde ich während eines weiteren Klinikaufenthaltes in der Tagesklinik (wegen der Nebenwirkungskrankheit") von dem Psychologen und der Betreuerin bedrängt, bei meinem Arbeitgeber einer Änderungskündigung zuzustimmen, die meine langjährig erworbenen tariflichen Rechte und mein Einkommen aufgrund meiner langen Tätigkeitszeit in diesem Büro sehr reduzierten. Gesetzliche Vorgaben wurden missachtet, wie z. B. das Hinzuziehen der Schwerbehindertenvertretung. Bessere Erfahrungen mit Psychiatrie und Psychotherapie Nach
dreieinhalb Jahren, wurden die Medikamente während einer medizinischen
Rehamaßnahme (Kurklinik) vom Ärzteteam dort sofort wegen körperlicher
und psychischer Nebenwirkungen abgesetzt. Ich war durch die jahrelange zermürbende,
existenzielle Bedrängung durch Arbeitgeber, Arzt und Betreuerinnen meinen
Job zu verlieren, später auch das Dach über dem Kopf" durch
den Betreuungsverein, das Nicht-denken-können und meine mittlerweile
sehr schlechte körperliche Verfassung dazu selbst nicht mehr fähig. Nach meiner Rückkehr begann ich gegen den Willen von Tagesklinik, Arzt (der die Medikation sofort wieder ansetzen wollte und den ich dann wechselte) und Betreuerinnen eine Psychotherapie bei einer psychiatriekritischen Psychologin. Sie hat mich in den folgenden Jahren begleitet und durch geschickte Ansprache meine aufkommenden Wutanfälle - auch hinsichtlich der Betreuerin im betreuten Wohnen, die in der Zeit, bevor ich wieder eine eigene Wohnung hatte, erneut versuchte, sich in die Therapie einzumischen - milderte, so dass es für Außenstehende und somit auch für mich nie zu ernsthaften Problemen kam. Meine Therapeutin hat mich nie als einen Menschen betrachtet und angesprochen, der ein Mängelwesen" ist. Wir haben uns gemeinsam das Erlebte angesehen, und sie hat mir in den ersten Jahren geholfen, mein Umfeld besser zu verstehen (womit nicht der Begriff Verständnis" gemeint ist, sondern was sagt mir da jemand, was bedeutet das für mich), so dass ich mich selbst und meine Bedürfnisse besser wahrnehmen und auch vertreten konnte. Meine Fähigkeiten hat sie insofern gefördert, dass ich klarer erkennen konnte, was ICH selbst will. Sie hat mich ermutigt, mein Leben (oft gegen die Meinung meines Umfeldes) wieder in die eigene Hand zu nehmen. Auf der Station einer Klinik im näheren Umkreis (vollstationär) mit nettem gestandenem" Pflegepersonal und einem humorvollen Stationsarzt, durchlebte ich während der Zeit meiner Psychotherapie einige psychotische" Krisen. Es war mir selbst zu Beginn meiner Psychotherapie klar, dass es zu sog. Psychosen" kommen würde, da ja in den vorherigen Jahren unter der Medikation keines meiner Probleme angesprochen und bearbeitet werden konnte und sich in der Zeit meine Lebensituation verschlechtert hatte. Aber jede dieser neuen Krisen war für mich wichtig, denn ich habe mich besser kennenlernen und weiterentwickeln können. Am Wohnort fand ich einen netten psychiatrischen Facharzt, der mir in Gesprächen in seiner Praxis ebenfalls zur Seite stand und mir über Jahre hinweg, egal wie es mir ging, dort eine neuroleptikafreie Zone" einräumte. Meine Psychotherapie fanden diese beiden Ärzte sehr sinnvoll und haben mich auch dazu ermutigt. Bereits nach ca. 1 Jahr Gesprächstherapie hatte ich wieder eine eigene Wohnung, war ordentlich gekleidet und wieder halbwegs gesellschaftsfähig. Hoch- oder mittelpotente Neuroleptika habe ich nie wieder genommen. Meine Therapie hat insgesamt ca. 5 Jahre gedauert. Seit
Jahren führe ich nun ein lebendiges, abwechslungsreiches und kreatives
Leben ohne Medikamente. Kritische Zeiten habe ich in den letzten Jahren durch
meine eigenen, von mir selbst während meiner Therapiezeit entwickelten
Strategien bewältigt. Ich habe mich gut kennenlernen können. Ich
weiß heute genau, was mir gut tut und was ich unbedingt lassen muss.
Es gelingt mir von Jahr zu Jahr besser mich innerlich auszubalancieren, mich
einzunorden" wie ich immer sage. Offengebliebene Fragen Das von mir erlebte Betreuungs- und Behandlungsdesaster" ist leider kein Einzelfall, wie ich dies während der Zeit des betreuten Wohnens bei Mitbewohnern ebenfalls mitbekommen und auch von einigen Mitbetroffenen in anderen Betreuungsbereichen erfahren habe. Ich weiß auch von Angehörigen, deren Familienmitglieder durch die Medikation oft nur noch antriebslos herumsitzen. Und mir selbst fallen immer wieder Betroffene auf (sie stehen unter Medikamentenwirkung), die mich in ihrem Erscheinungsbild an meine eigene Vergangenheit erinnern. Die
Fragen, die ich mir stelle und die für mich offengeblieben sind stelle
ich hier in den Raum.
Fragen, die mir wahrscheinlich niemand beantworten wird (oder kann). Alle die mich damals behandelt" oder betreut" haben, haben immer wieder beteuert, dass doch alles nur zu meinem Besten" geschehe. Mit meinem Beitrag und meinen Fragen stelle ich sicher vieles in Frage, was heute in der Behandlung als üblich und normal gilt. Wenn Psychiatrieerfahrene, Angehörige und auch die gelegentlich hier mitlesenden ärztlichen und nichtärztlichen MitarbeiterInnen über das Geschriebene ein bisschen nachdenklich werden und durch ein genaueres, kritisches Hinsehen darauf achten, wenn etwas zum Besten des/r Hilfesuchenden" getan wird, ob es denn dann auch für diese/n das Beste ist, dann hätte dieser Erfahrungsbericht sein Ziel erreicht. Rosa Mai 2002/überarbeitet April 2006 |