Psychotherapie - Zur Gefährlichkeit des therapeutischen Sprachzaubers


Noch immer höre ich von MitpatientInnen, daß im Fall einer psychotischen Erkrankung von einer Psychotherapie (erst recht von einer analytischen) von ärztlich-psychiatrischer Seite dringend abgeraten wird. Der ärztliche mahnende Zeigefinger saust hoch mit der Bemerkung: „Das ist für Ihre Erkankung nicht geeignet und viel zu gefährlich für Sie!“

Hier meine Meinung zu dieser „Gefährlichkeit“ dieses therapeutischen „Sprachzaubers“:
Auch mir wurde bei meiner Diagnose „Psychose aus dem schizophrenen Formenkreis“ mit einer solchen Bemerkung von Seiten meines Arztes von einer solchen Therapie abgeraten. Ich sollte doch lieber nur die verschriebenen Medikamente weiter nehmen, die gerade wegen zu großer Nebenwirkungen während einer medizinischen Rehabiliationsmaßnahme (Kur) von ärztlicher Seite abgesetzt worden waren. Ich selbst hatte nur erlebt, daß es mir auch mit und durch die Medikamente immer schlechter ging und ich irgendwann in einer Dauerbetreuung landen würde. Damals war ich 36 Jahre alt. So habe ich dann trotzdem (mit 38 Jahren) eine analytisch-orientierte Therapie bei einer niedergelassenen nicht-ärztlichen Psychotherapeutin begonnen mit dem Erfolg, daß ich eine betreute Wohngemeinschaft nach 3/4 Jahren Therapie wieder verlassen konnte und seitdem (das ist jetzt mehr als 12 Jahre her) in eigener Wohnung lebe, keine Neuroleptika nehme und mit meinen Schwierigkeiten wieder selbständig umgehe. Ich habe von der Therapeutin sehr viel Ermutigung erfahren, eigene Dinge zu tun, habe mir mit ihr angesehen, wovor ich Angst habe, warum ich mir etwas nicht zutraue und auch in die Vergangenheit zurückgesehen, aus der mir während der sog. „Psychose“ viele Erinnerungen zurückgekehrt waren. Diese schwirrten noch immer in meinem Kopf herum, und ich konnte sie nicht einordnen. Sie beschäftigten mich übermäßig und hielten mich von anderen lebensnotwendigen Entscheidungen ab.

Ich habe den Beschluß, auch gegen den Willen der Ärzte diese Therapie zu machen, nie bereut.
Selbstverständlich gab es auch während der Therapie Rückschläge, mal ging es drei Schritte nach vorne, mal wieder zwei zurück. - Und es gab auch Klinikaufenthalte. Nur nach jedem Rückfall "war meine Persönlichkeit nicht weiter abgebaut", sondern ich hatte wieder etwas erkannt, mich weiterentwickelt, bin trotz des "Rückfalls" (ich sehe heute diese Krisen als notwendige Lernprozesse an) wieder neue Schritte nach vorne gegangen.

Was an einer solchen Therapie „gefährlich“ sein soll, ist für mich nicht nachvollziehbar. Es ist ja keine körperliche Behandlung, sondern es handelt sich lediglich um Worte, Sätze, die dort gesprochen werden. Im Gegensatz zu einem Medikament (oft zwangsweise verordnet), verursachen Worte, Sätze, also Gespräche - auch über einen längeren Zeitraum - keine Leberschäden, keine Spätdyskinesien o.ä. Häufig wird von der Psychiatrie kritisiert, daß z.B. in analytisch-orientierten Therapien „Deutungen“ des Therapeuten ausgesprochen würden, die einem „Psychosekranken“ nicht bekämen.

Als „Psychose-“ und auch Therapieerfahrene kann ich selbstverständlich bestätigen, wie beeinflußbar ich war. Natürlich konnte ich mich gegen nichts und niemanden mehr abgrenzen. Aber mit „Deutungen“ jeglicher Art ist doch jeder Mensch im ganz normalen Leben andauernd konfrontiert. Die ArbeitskollegInnen sagen etwas, die Familie sagt etwas, der Arzt „deutet“ (z. B. ja auch daß man eine Psychose hat), in jeglichen Medien werden auch Deutungen vermittelt. Danach bliebe einem ja tatsächlich nur der autistische Rückzug von der Welt, um jeglichem, gefährlichen „Sprachzauber“ in Form irgendwelcher Deutungen zu entgehen.

Fakt war: Während der Therapie mußte ich viele meiner Sichtweisen „entzaubern“, sog. psychotische Verhaltensweisen wurden mir in ihrer symbolischen Bedeutung klar, die hochgekommenen Bilder aus meiner Vergangenheit konnte ich verstehen und integrieren, und das Problem der mangelhaften Abgrenzung war natürlich auch ein besonders wichtiges Therapiethema. Alles in allem war es mehr ein Ordnen meines Innen- und Außenlebens. Natürlich, NUR ZU WISSEN wie die eigenen Probleme entstanden sind, heißt nicht, daß sie damit gelöst sind. Aber durch Wissen und Erkennen konnte ich besser für mich entscheiden, was ich tun wollte, Lösungsstrategien entwickeln und sie einsetzen. Zu TUN - aktiv zu werden, meine Angelegenheiten zu regeln - gab's reichlich. Es war ja vieles durcheinandergeraten.

Es geht mir an dieser Stelle natürlich nicht darum, Menschen mit Psychiatrieerfahrung zu vermitteln, nehmt einfach keine Medikamente, macht alle eine solche Form der Therapie. Ich finde es wichtig, daß jede(r) Betroffene für sich selbst entscheidet, welche Art der Therapie für ihn/sie zu welchem Zeitpunkt im Leben richtig ist.

Sehr wichtig finde ich es jedoch, sich über Therapien gut zu informieren, die Art einer Gesprächstherapie (wie läuft sie ab, was sind die Therapieziele, siehe auch Checkliste) zu erfragen und sich im Bereich der medikamentösen Therapie nach Wirkungen, Nebenwirkungen und Spätschäden zu erkundigen.

Ich selbst habe von meiner Psychotherapie weit über den Bereich der „Symptomreduzierung“ profitiert. Meine Kreativität wurde z. B. im Gegensatz zur medikamentösen Therapie nicht reduziert, sondern gefördert. Es gab Ermutigung Dinge auszuprobieren und wenn es auch mal nicht sofort geklappt hat, hatte ich einen Platz wo ich dies besprechen und in Ruhe betrachten konnte, woran es lag, wie kann ich's zukünftig besser angehen.

In den Jahren vor meiner Psychotherapie gab es den „ärztlichen Sprachzauber“, daß ich an einer unheilbaren Stoffwechselerkrankung leide und lebenslang Medikamente nehmen müßte. Wenn ich mich daran gehalten hätte, dann wäre mein Glaube an diesen „Sprachzauber“ von ärztlicher Seite viel gefährlicher für mich gewesen, denn diese Worte waren ent-mutigend und sind in meinen Augen eher eine Anweisung zur Passivität und eine Absage an die Eigenverantwortung.

Rosa