Selbsthilfe

1) Thesen zum Profil der Selbsthilfe-/Verbandsarbeit

-II Selbsthilfe

- Verführung (Gedicht)

2) Selbsthilfe - Keine heile Welt - aber eine bessere gibt es nicht

 Kalle Pehe

 

Thesen zum Profil der Selbsthilfe-/Verbandsarbeit

erstmals vorgelegt auf der Jahrestagung des BPE (Bundesverband Psychiatrieerfahrener) in Kassel 1999 von Kalle Pehe

Vorbemerkung:

In den Thesen verarbeite ich meine persönlichen Erfahrungen mit Selbsthilfe- und Verbandsarbeit im Bereich "seelische Gesundheit". Meine Absichten dabei habe ich in Vor- und Nachbemerkungen zu den Thesen erläutert. Ich gebe sie hier unverändert wieder. Ich weise ausdrücklich darauf hin, dass dies (noch) keine offizielles BPE-Stellungnahme ist. Gegenüber dem Original von 1999 habe ich ein paar kleine Änderungen vorgenommen.

"Gemeinsam sind wir stark" heißt es in einem Faltblatt, mit dem der BPE um Mitglieder wirbt. Ich habe dieses Gefühl nur in Ausnahmefällen kennengelernt.

Alleine komme ich so gerade zurecht, gemeinsam wird´s oft unerträglich"

...entspricht meinen Erfahrungen in der Szene schon eher. Da heißt es lernen, lernen, lernen...

Meine Thesen benennen "Dinge, über die man mal reden sollte", oder sie sind "fromme Wünsche". Man kann sie als "Selbstverständlichkeiten" betrachten, die nicht "selbstverständlich" sind oder auch als "unmöglich, unsinnig oder illusorisch verwerfen. Nachdenken kann man darüber allemal.

 

Seitenanfang

Übersicht:

I

Verbandsarbeit

1 Attraktives Verbandsklima

2 Eckpunkte eines Verbandsprofils

3 Stärkung unseres Gewichts in der Psychiatrie-Reform bzw. beim Aufbau alternativer Strukturen zur Psychiatrie

 

 

II

Selbsthilfe

Bedenkliches zum Thema selbst-Hilfe

 

1

Attraktives Verbandsklima

Ein gutes, menschliches Klima im Verband ist gut für unsere Gesundheit und für den Verband.

 

1.1

Selbstdarstellung des Verbands

Die Mitglieder des Verbandes und vor allem seine Repräsentanten

bestimmen sein Bild in der Öffentlichkeit.

 

1.2

Erfahrung und Kompetenz

Bei der Wahl geeigneter Repräsentanten des Verbandes ist

besondere Sorgfalt geboten.

 

1.3

Freie Meinungsäußerung

Wir ermuntern zu selbstbestimmtem Denken und Handeln

und respektieren die Meinung unserer Mitglieder.

 

1.4

Bei sich beginnen

Jeder ist aufgerufen,

positive Beispiele in der Selbsthilfe- und Verbandsarbeit zu schaffen.

Das versachlicht die Kritik an anderen.

 

1.5

Spaß an der Sache

Wir fördern kulturelle Aktivitäten und persönliche Kontakte

unter den Mitgliedern und sind bestrebt,

die Bürokratie auf ein Minimum zu beschränken.

"Seelische Gesundheit" und Selbstbestimmung

kann man nicht trennen

 

2

Eckpunkte eines Verbandsprofils

"Offen für alles" sind wir nicht.

"Sich abgrenzen gegen alles, was unserer Gesundheit schadet"

und "offen sein für alles, was ihr nützt"

...kennzeichnet unsere Philosophie.

 

2.1

Grenzen der Toleranz

Gruppen und Menschen, die planmäßig Abhängigkeiten erzeugen,

die Selbstbestimmung unterhöhlen

und Macht über andere anstreben

...kommen für uns als Partner nicht in Frage.

 

2.2

Grenzziehung zu kommerziellen Angeboten

Basis der Selbsthilfe-/Verbandsarbeit ist die

ehrenamtliche Arbeit.

 

2.3

Beiträge Spenden

...sind zur Finanzierung laufender Ausgaben selbstverständlich.

Den Mitgliedern ist regelmäßig Rechenschaft

über die Verwendung der Gelder zu geben.

 

2.4

Keine Verbandsideologie

Wir machen viele gute Sachen, können aber nicht alles (besser).

Keiner kann entscheiden, was gut für andere ist.

Respekt vor der Selbstbestimmung eines Menschen.

 

3

Stärkung unseres Gewichts in der Psychiatrie-Reform

bzw. beim

Aufbau alternativer Strukturen zur Psychiatrie

"Sowohl - als auch" statt "entweder - oder"

 

3.1

Biographische Beweise

Vorrang der eigenen "seelischen Gesundheit".

Überzeugende Erfolge in der Selbsthilfe stärken unseren Einfluß.

 

3.2

Selbstverantwortung

Beachtung eigener Grenzen nutzt der eigenen Gesundheit

und dem Verband gleichermaßen.

 

3.3

Sozialpsychiatrie nicht ideologisieren

Bemühungen um eine menschlichere Psychiatrie bei Fachkräften

begrüßen und unterstützen wir.

Partnerschaftlicher Umgang ist dabei aber unerläßlich.

 

3.4

Alternative Strukturen

Versuche, ein Leben ohne Psychiatrie zu führen, unterstützen wir.

Unterstützung von Reformbemühungen in der Psychiatrie

bedeutet keinen Gegensatz dazu.

 

3.5

Gewinnung von Partnern

Alleine kann man eine ganze Menge bewegen.

Mit Partnern ist (fast) alles möglich.

 

3.5.1

Angehörigenarbeit

Angehörige sind unsere natürlichen Partner

im Bemühen um menschliche Lösungen bei "seelischen Erkrankungen/Verletzungen".

Es ist notwendig und sinnvoll,

besondere Anstrengungen zu unternehmen,

tragfähige Brücken zu den Angehörigen und ihren Organisationen aufzubauen.

 

3.5.2

Professionelle als Partner

Erfolge in der Selbsthilfearbeit erleichtern die Zusammenarbeit.

Bündnisarbeit unter Professionellen kann Selbsthilfe nicht ersetzen.

Partnerschaftlicher Umgang ist dabei unverzichtbar

 

3.5.3

Öffentliche Meinung

Keine "Selbst-stigmatisierung"

durch Überbewertung der Arbeit in der "Psycho-Szene".

Außenkontakte helfen, Vorurteile abzubauen.

Kontakte, z.B. zu anderen SHGs im Gesundheitswesen helfen,

Stigmatisierung aufzulösen.

Wir wollen keine "Berufsbetroffenen" werden.

 

Nachbemerkung:

Soweit es meine Arbeit im Verband und in der Selbsthilfe betrifft, versuche ich, die in den Thesen angesprochenen Dinge zu beachten. Für mich sind sie eine Art

"Geländer, an dem ich mich in schwierigem Gelände

orientiere bzw. festhalte"

 

Gebaut habe ich dieses Geländer (mit eurer Hilfe) selbst. Es soll euch anregen, eure eigenen Geländer, Leitern, etc. zu "basteln", die euch weiterhelfen, mehr nicht. Viel Erfolg dabei wünscht

 

Kalle Pehe

 

 

 

Seitenanfang

II

Selbsthilfe

 

Bedenk-liches zum Thema Selbst - Hilfe

Selbsthilfegruppe "Mut zum Anderssein" - Krefeld

Kontakt: Kalle Pehe, Von-Steuben-Str.30, 47 803 Krefeld, Tel/Fax 02151/875804

email: Mariapehe@aol.com

 

Selbst - Bewußtsein

...klingt nach "Stärke", ist aber nicht zuletzt

auch Bewußtsein seiner Schwächen.

 

Selbst - Hilfe heißt

..."sich - selbst - helfen".

Die Fähigkeit dazu schafft erst die Möglichkeit,

auch anderen Menschen Entlastung bringen zu können.

 

Selbst - Hilfegruppen

...machen Sinn als Stätten des Erfahrungsaustauschs von Menschen,

die zur Selbst - Hilfe entschlossen sind.

Du wirst dort scheitern, wenn du vor allem den anderen "helfen" willst

oder erwartest, daß die anderen deine Probleme lösen können.

 

Selbst - Beschränkung

...ist ein Erfolgsrezept, auch und gerade dann, wenn es "brennt".

Selbst kann man zwar oft wenig tun, aber dieses "Wenige" ist das,

worauf es ankommt.

 

"Alles ändert sich, wenn du es/dich änderst."

 

Selbst oder Selbst ?

Es muß/will zunächst wichtig genommen werden, damit es unwichtig werden kann.

  

Seitenanfang

Verführung

Von Kalle Pehe

 

Eure Fehler

führen mich zu dem, was richtig ist,

wenn ich wach bin.

 

Eure Lösungen

ver-führen mich, etwas zu tun,

was für mich - falsch sein kann,

wenn ich nur einen Moment nicht aufpasse.

 

Psst !

Bitte nicht stören.

Ich bereite gerade meinen nächsten Fehler vor.

 

Leben heißt "Fehler machen" und vielleicht...

.... daraus lernen.

 

 

 

 

Seitenanfang

Selbsthilfe

Keine heile Welt - aber eine bessere gibt es nicht

von Kalle Pehe, 9.6.2002

 

Gefragt, ob sie sich nicht vorstellen könne, dass Angehörige und Betroffene im Vorstand der Psycho-Sozialen- Hilfe (PSH)1) irgendwann auf einer Augenhöhe miteinander reden? antwortete mir Frau K nach kurzer Bedenkzeit, dass sie sich das nicht vorstellen könne. Das war immerhin eine ehrliche Antwort. Ich war damals als Betroffener Vorstandsmitglied der örtlichen PSH, in dem auch Frau K als eine von 3 Angehörigen vertreten war. Vorausgegangen waren längere Differenzen mit der fachlichen Leitung, die mich als Person und die von mir begonnene Selbshilfearbeit, sehr argwöhnisch betrachteten. Es war bekannt, dass ich keinerlei Medikamente nahm, und man befürchtete, andere Betroffene könnten sich ein Beispiel an mir nehmen und vom „Tugendpfad" einer regelmäßigen Neuroleptikaeinnahme abweichen. Das war etwa 4 Jahre nach der Entlassung aus der Klinik, in die ich im November 1990 (Golfkriegsultimatum) zwangseingewiesen worden war. Ich ging meiner Arbeit als Lehrer für Biologie und Physik wieder nach.

 

 

Eine Augenhöhe in der psychosozialen Arbeit?

Eine Augenhöhe mit Menschen, die gelegentlich aus dem Ruder laufen und so allerhand Dummheiten anstellen oder auch völlig verzweifelt und deprimiert nichts mehr geregelt kriegen? Für Frau K war das damals nicht vorstellbar. Kann man das überhaupt verantworten, dass sich Betroffene alleine treffen, ohne dass da eine „Fachkraft" Aufsicht führt? Inzwischen ist das Schnee von gestern, aber es schadet nicht, sich einmal zurück zu erinnern, wie alles angefangen hat. Meine Bilanz nach etwa 11 Jahren Selbsthilfe: Ich konnte meine persönliche Symptomatik vollständig auflösen, den Scherbenhaufen, den ich in meiner Familie angerichtet hatte, wieder zusammenbasteln und kann meinen Beruf wieder allgemein anerkannt ausüben. Vor 11Jahren sah es nicht so aus. Fachleute versuchten, mir mit untauglichen Mitteln und ohne Erfolg beizubringen, dass ich ohne eine regelmäßige Medikamenteneinnahme keine Chance auf ein geordnetes Leben hätte. Dass es anders gekommen ist, lag nicht zuletzt an der Selbsthilfearbeit. Hier konnte ich die für mich nötigen Erfahrungen sammeln: Mich abgrenzen gegen Menschen, die glauben zu wissen, was gut ist für mich, mir selbst ein attraktives Umfeld schaffen, in dem ich mich gut fühlen kann. Nicht zuviel psychologisieren, sondern das Leben praktischer angehen. Warten können, dass andere sich in eigener Initiative auf mich zu bewegen. Das sind einige Stichworte zu meiner günstigen Entwicklung.

 

 

„Als >defekter Stoffwechselautomat<

war ich ohne Geschichte und ohne Zukunft."

Begegnungen in den trialogischen Psychoseseminaren vermittelten mir eine Ahnung von einem anderen Verständnis seelischer Störungen (und einer besseren Psychiatrie). Die Initiative zur Gründung habe ich in meiner Heimatstadt selbst ergriffen. Dorothea Buck aus Hamburg konnte ich für einen Vortrag gewinnen. Wir wären in der Psychiatriereform schon ein großes Stück weiter, wenn „Fachlichkeit" sich nicht mehr g e g e n solche überzeugenden Persönlichkeiten profiliert und Begegnungen mit ihnen bereits in den Kliniken aktiv vermittelt würden. Das ist aber immer noch die Ausnahme. Es war für mich eine große Erleichterung, einem Menschen zu begegnen, für den psychotische Erlebnisse einen Sinn haben, den es zu finden gilt. Die mir ansonsten zugedachte Perspektive war Abhängigkeit von Institutionen und Medikamenten. So konnte und wollte ich nicht leben. Ich war entschlossen, bessere Lösungen zu finden. Die Selbsthilfeszene ist keine heile Welt, aber trotz großer Schwierigkeiten, die ich auch da zu bestehen hatte, steht für mich fest: Es gibt keine bessere. Mehr zu mir und meiner Geschichte auf weiteren Seiten dieser Homepage.


1)Die Psycho-Soziale-Hilfe (PSH) ist eine ambulante Einrichtung für „Psychisch Kranke", die sehr eng mit den Kliniken in meiner Heimatstadt zusammenarbeitet. Gegründet wurde sie von Angehörigen. Ich bin dort 1997 ausgetreten, weil ich mit den Vorstellungen der dort beschäftigten Fachkräfte in Sachen Selbsthilfeunterstützung völlig unzufrieden war/bin.

Seitenanfang