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"Jetzt
war das Interesse zum ersten Mal nicht mehr auf das Manipulierbare gerichtet,
sondern im Gegenteil auf das, was seiner Definition nach spontan und
nichtmanipulierbar ist."
Ilya Prigogine in "Dialog mit der Natur" (Serie
Piper)
Auf
der Suche nach einer gemeinsamen Sprache - immer ein Thema, nicht nur
in unseren Psychose-Seminaren - mache ich mir schon längere Zeit
Gedanken, wie zwischen dem "materialistischen Lager" in der
psychiatrischen Wissenschaft, dessen Eingriffe primär auf den Stoffwechsel
zielen, und dem "idealistischen Lager", das primär über
Psychotherapie zum Ziel kommen will, eine produktive Auseinandersetzung
in Gang kommen kann. Das würde Patienten und ihren Angehörigen
ohne Zweifel günstigere Bedingungen verschaffen, die in diesem
ideologisch aufgeladenen Streit oft "zwischen die Fronten"
geraten.
Zur Vermittlung in einem Streit braucht es Menschen und Ideen, die in
beiden Lagern mit Interesse betrachtet werden und dort "Wurzeln
schlagen können".
Ilya Prigogine mit seinen Forschungen über die Selbstorganisation
der Materie (Stichwort: Dissipative Strukturen) scheint mir geradezu
prädestiniert für diese Rolle. Er hat ein Begriffssystem entwickelt,
das gute Chancen hat, genau das zu leisten.
Für meine persönliche Entwicklung nach einer schweren Persönlichkeitskrise
waren seine Ideen höchst wichtig. Sie schufen mir einen Möglichkeitsraum,
der mich zu eigenen Aktivitäten ermutigte, die schließlich
zu einer Neu-Ordnung meiner Persönlichkeit und meines Umfeldes
führten. Ich brauche deshalb schon lange keine Psychosen mehr.
Das Konzept der "Selbstorganisation" verträgt sich hervorragend
mit meinen Erfahrungen, und das ermuntert mich, auch andere darauf aufmerksam
zu machen.
Hier
einige Stichworte zu Ilya Prigogine:
1. Er ist eine Autorität, die in beiden Lagern akzeptiert werden
dürfte.
- bei den "Materialisten" wegen seiner naturwissenschaftlichen
Arbeitsweise, die strengen Maßstäben standhält und wegen
des Ansehens, dem in der Verleihung des Nobelpreises für Chemie
1977 allgemein sichtbarer Ausdruck verliehen wurde. Seine Forschungsarbeiten
regten weltweit Menschen in den verschiedensten Fachgebieten zu unkonventionellen
Fragestellungen und Forschungsarbeiten an. Er ist vielleicht der meist
zitierte moderne Naturwissenschaftler und gilt weithin als Pionier des
Wandels im naturwissenschaftlichen Weltbild. Mich wundert es, daß
unsere Psychiater ihn nicht als "heißen Tip" handeln,
obwohl sie doch in 23 Jahren reichlich Zeit gehabt hätten, seine
Eignung für das Studium seelischer Extremzustände zu bemerken.
- bei den "Idealisten", weil seine unkonventionellen Gedanken
der Kritik an überzogenen Machtansprüchen des Wissenschaftsbetriebes
Wasser auf die Mühlen lenken. Prigogine betreibt den Umbau des
naturwissenschaftlichen Weltbildes in einem Tempo, das nur in Zeiten
grundlegender Paradigmenwechsel normal ist. Das Studium komplexer Systeme
liefert Ergebnisse, die eine Chance bieten, komplexe Wirkungsmechanismen
therapeutischer Arbeit in einer naturwissenschaftlich akzeptierten Sprache
verständlich zu machen. Das wertet unkonventionelle therapeutische
Ansätze auf, deren Wirkungen kaum zur Kenntnis genommen werden,
vielleicht weil man sie nicht versteht.
2. Das "Besondere" rückt in den Blickpunkt der Forschung
In Prigogine`s Forschung verlagert sich das Interesse vom Auffinden
allgemeiner Gesetze hin zum Besonderen, Einmaligen, Einzigartigen in
der Natur, das in der konventionellen Forschung gern übersehen
wird, weil es nicht ins "Bild" paßt. Prigogine zeichnet
ein neues Bild, findet eine neue Sprache, die blinde Flecke in der Wahrnehmung
der Wissenschaftler beseitigt. Täglich werden neue Phänomene
entdeckt, die mit der "Brille" des Ilya Prigogine problemlos
zu sehen sind. Man muß hier nicht erklären, warum das einer
subjekt-orientierten Psychiatrie gut tun würde.
3. Natur als Subjekt
Prigogine konnte zeigen, daß viele Phänomene in der Natur
mit dem Bild der "großen Weltmaschine" des Isaac Newton
nicht verstanden werden können. Die Natur verhält sich oft
wie ein Dialogpartner, der in unvorhersagbarer Weise reagiert. Sein
zusammen mit Isabelle Stengers herausgegebenes Buch heißt folglich:
"Dialog mit der Natur". Keine Frage, warum dieses Thema Patienten
der Psychiatrie besonders interessiert. Auch sie sind ein "Stück
Natur", das so behandelt werden möchte wie die Natur bei Ilya
Prigogine, eben als Dialogpartner.
4. Vielfalt als Strukturmerkmal der Natur
Ilya Prigogine sieht die Natur pluralistisch, Vielfalt ist ein Strukturmerkmal,
nicht nur in lebendigen Systemen. Die Natur entwickelt sich in einzigartiger
Weise, experimentiert ohne Unterlaß mit neuen Mustern. Das ist
alles ganz normal und selbstverständlich, einfach "natürlich".
Prigogine assoziert dieses Spiel der Natur mit der Tätigkeit der
Menschen, und weist jeden Anspruch irgendeiner Idee auf absolute Gültigkeit
zurück. Postmodern nennt man das wohl in der Philosophie. Da nimmt
er auch die Wissenschaft nicht aus. Das erleichtert die Kommunikation
unter Vertretern verschiedener Schulen. Seine Ansicht ist demokratisch
im besten Sinne. Die Formel "Von der Natur lernen" hat hier
ein freundliches Gesicht, ganz anders als die lange unser Verhältnis
zur Natur bestimmende Formel vom "Kampf ums Dasein". Ohne
Zweifel gibt es den, aber eben nur unter anderem. Sympathisch.
5. Positives Verständnis von Irreversibilität
Prigogine hat ein positives Verständnis von Irreversibilität,
die er als Schlüssel zu einem tieferen Verständnis des Lebens
entdeckt hat. Irreversibilität, das heißt Unumkehrbarkeit.
Ein Beispiel aus der Physik ist die Wärmeleitung, die immer in
Richtung Angleichung von Temperaturunterschieden geht und nie umgekehrt.
Das ist nichts Neues. Neu ist die Entdeckung der besonderen Rolle irreversibler
Prozesse beim Verständnis des Lebens. Sie ermöglichen interessante
Einsichten bei der Unterscheidung von Mensch und Maschine. Auch ein
neues Verständnis von ZEIT ist mit dem Begriff der Irreversibilität
verknüpft.
In der Psychiatrie geht es oft noch darum, eine "Störung"
zu beseitigen, den alten Zustand vor der "Erkrankung" wiederherzustellen.Mit
der Brille des Ilya Prigogine ist die Störung möglicherweise
der Beginn eines Prozesses der Selbstorganisation, die in diesem Verständnis
unvermeidlich, natürlich ist, und es kommt darauf an, sie zu einem
positiven Ende zu führen, wobei das Ende "offen" ist.
Es gibt keinen Endzustand, wo man den Patienten hinbringen muß,
und es ist auch nicht der Ausgangszustand vor der Psychose, der wiederhergestellt
werden kann/muß. Irreversibilität zwingt dazu, die Lösung
"vorne" zu suchen, die Herausbildung einer neuen Ordnung zuzulassen
und günstige Bedingungungen dafür zu schaffen. Das waren meine
Schlußfolgerungen. Für gute Therapeuten ist das auch ohne
Prigogine selbstverständlich. Aber es kann ja nicht schaden, wenn
man auch einen angesehenen Naturwissenschaftler an seiner Seite weiß.
Der Mühe wert
Natürlich ist der Versuch, Sie auf zwei Seiten neugierig auf Ilya
Prigogine zu machen, ein Wagnis. Eine so verkürzte Darstellung
muß vereinfachend sein, ist immer angreifbar. Seine "Sprache
solide zu erlernen" erfordert eine gewisse Mühe, wie auch
das Erlernen anderer Sprachen. Ich denke aber, daß sich die Mühe
lohnt und spreche aus Erfahrung. Mir waren Prigogines Ideen eine große
Hilfe, den alleinigen Anspruch auf Wissenschaftlichkeit von Seiten der
Vertreter des "medizinischen Modells seelischer Störungen"
als unberechtigt zurückweisen. Das schaffte mir den Raum, mich
gegen den Druck von dieser Seite zu behaupten, die für mich nur
die Prognose eines Lebens unter Dauermedikation als realistisch ansah.
Da ist es hilfreich, Alternativen zu kennen, damit man sie dann im Leben
ausprobieren kann. Selbstorganisation, das kann ich für mich auch
mit Selbstbestimmung und Selbstverantwortung übersetzen
und ohne Zweifel hat sie mir geholfen. Mein bestes Argument für
Prigogine.
Das schöne Gefühl, verstanden zu werden besser
als alle Medikamente
Im übrigen ist es ein schönes Gefühl, von jemandem verstanden
zu werden. Und vom "Verstanden werden" zum "Verstehen"
ist es nur ein Katzensprung. Ich kann mich noch gut erinnern, wann ich
dieses schöne Gefühl zum ersten Mal nach meinem Psychoseerlebnis
wieder gehabt habe. Es war beim Vortrag von Dorothea Buck in Krefeld,
bei dem sie u.a. ihre Idee von der "Psychose als Selbstfindung"
anhand ihrer eigenen Geschichte entwickelte. Ich fühlte mich ernst
genommen und verstanden. Das tiefe Verständnis der Natur des Ilya
Prigogine hat auf mich eine auml;hnlich angenehme, Spannung lösende
Wirkung. Und es ist für mich kein Zufall, daß hier zum Schluß
die Namen einer fähigen Autodidaktin und eines unabhängig
denkenden Wissenschaftlers ganz eng beieinander stehen.
Nachbemerkung:
Der Autor ist Lehrer für Physik und Biologie an einem Krefelder
Gymnasium und psychoseerfahren. Er arbeitet wieder ohne jede Einschränkung
in seinem erlernten Beruf.
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