Hoffnung auf Selbstorganisation

Inhalt:

  1. Hoffung durch "Selbstorganisation" - Warum die Pionierarbeit des Ilya Prigogine (Nobelpreis für Chemie 1977) der Psychiatrie neuen Schwung geben kann
  2. Weltbild im Wandel 2 - Ordnung ist das halbe Leben ...Unordnung ist die andere Hälfte
  3. Weltbild im Wandel 2 - (2.Fassung) - Was ist Chaos überhaupt?
  4. Weltbild im Wandel 3 - Schlieren im Farbteppich
    Was ist also gemeint mit den Zonen der Unwissenheit inmitten der Gültigkeit mathematischer Gesetze?
  5. Weltbild im Wandel 4- Chaos mit freundlichem Gesicht
  6. Weltbild im Wandel 5 - Zwischenbilanz in der Karwoche
  7. Weltbild im Wandel 6 - Die Wissenschaft spricht für uns – für die Selbsthilfe

 

 

 

 

 

 

 

 

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Hoffnung durch "Selbstorganisation"

Warum die Pionierarbeit des Ilya Prigogine (Nobelpreis für Chemie 1977) der Psychiatriereform neuen Schwung geben kann

von Kalle Pehe aus Krefeld

"Jetzt war das Interesse zum ersten Mal nicht mehr auf das Manipulierbare gerichtet, sondern im Gegenteil auf das, was seiner Definition nach spontan und nichtmanipulierbar ist."
Ilya Prigogine in "Dialog mit der Natur" (Serie Piper)

 

Auf der Suche nach einer gemeinsamen Sprache - immer ein Thema, nicht nur in unseren Psychose-Seminaren - mache ich mir schon längere Zeit Gedanken, wie zwischen dem "materialistischen Lager" in der psychiatrischen Wissenschaft, dessen Eingriffe primär auf den Stoffwechsel zielen, und dem "idealistischen Lager", das primär über Psychotherapie zum Ziel kommen will, eine produktive Auseinandersetzung in Gang kommen kann. Das würde Patienten und ihren Angehörigen ohne Zweifel günstigere Bedingungen verschaffen, die in diesem ideologisch aufgeladenen Streit oft "zwischen die Fronten" geraten.
Zur Vermittlung in einem Streit braucht es Menschen und Ideen, die in beiden Lagern mit Interesse betrachtet werden und dort "Wurzeln schlagen können".


Ilya Prigogine mit seinen Forschungen über die Selbstorganisation der Materie (Stichwort: Dissipative Strukturen) scheint mir geradezu prädestiniert für diese Rolle. Er hat ein Begriffssystem entwickelt, das gute Chancen hat, genau das zu leisten.
Für meine persönliche Entwicklung nach einer schweren Persönlichkeitskrise waren seine Ideen höchst wichtig. Sie schufen mir einen Möglichkeitsraum, der mich zu eigenen Aktivitäten ermutigte, die schließlich zu einer Neu-Ordnung meiner Persönlichkeit und meines Umfeldes führten. Ich brauche deshalb schon lange keine Psychosen mehr.
Das Konzept der "Selbstorganisation" verträgt sich hervorragend mit meinen Erfahrungen, und das ermuntert mich, auch andere darauf aufmerksam zu machen.

Hier einige Stichworte zu Ilya Prigogine:
1. Er ist eine Autorität, die in beiden Lagern akzeptiert werden dürfte.
- bei den "Materialisten" wegen seiner naturwissenschaftlichen Arbeitsweise, die strengen Maßstäben standhält und wegen des Ansehens, dem in der Verleihung des Nobelpreises für Chemie 1977 allgemein sichtbarer Ausdruck verliehen wurde. Seine Forschungsarbeiten regten weltweit Menschen in den verschiedensten Fachgebieten zu unkonventionellen Fragestellungen und Forschungsarbeiten an. Er ist vielleicht der meist zitierte moderne Naturwissenschaftler und gilt weithin als Pionier des Wandels im naturwissenschaftlichen Weltbild. Mich wundert es, daß unsere Psychiater ihn nicht als "heißen Tip" handeln, obwohl sie doch in 23 Jahren reichlich Zeit gehabt hätten, seine Eignung für das Studium seelischer Extremzustände zu bemerken.
- bei den "Idealisten", weil seine unkonventionellen Gedanken der Kritik an überzogenen Machtansprüchen des Wissenschaftsbetriebes Wasser auf die Mühlen lenken. Prigogine betreibt den Umbau des naturwissenschaftlichen Weltbildes in einem Tempo, das nur in Zeiten grundlegender Paradigmenwechsel normal ist. Das Studium komplexer Systeme liefert Ergebnisse, die eine Chance bieten, komplexe Wirkungsmechanismen therapeutischer Arbeit in einer naturwissenschaftlich akzeptierten Sprache verständlich zu machen. Das wertet unkonventionelle therapeutische Ansätze auf, deren Wirkungen kaum zur Kenntnis genommen werden, vielleicht weil man sie nicht versteht.


2. Das "Besondere" rückt in den Blickpunkt der Forschung
In Prigogine`s Forschung verlagert sich das Interesse vom Auffinden allgemeiner Gesetze hin zum Besonderen, Einmaligen, Einzigartigen in der Natur, das in der konventionellen Forschung gern übersehen wird, weil es nicht ins "Bild" paßt. Prigogine zeichnet ein neues Bild, findet eine neue Sprache, die blinde Flecke in der Wahrnehmung der Wissenschaftler beseitigt. Täglich werden neue Phänomene entdeckt, die mit der "Brille" des Ilya Prigogine problemlos zu sehen sind. Man muß hier nicht erklären, warum das einer subjekt-orientierten Psychiatrie gut tun würde.


3. Natur als Subjekt
Prigogine konnte zeigen, daß viele Phänomene in der Natur mit dem Bild der "großen Weltmaschine" des Isaac Newton nicht verstanden werden können. Die Natur verhält sich oft wie ein Dialogpartner, der in unvorhersagbarer Weise reagiert. Sein zusammen mit Isabelle Stengers herausgegebenes Buch heißt folglich: "Dialog mit der Natur". Keine Frage, warum dieses Thema Patienten der Psychiatrie besonders interessiert. Auch sie sind ein "Stück Natur", das so behandelt werden möchte wie die Natur bei Ilya Prigogine, eben als Dialogpartner.


4. Vielfalt als Strukturmerkmal der Natur
Ilya Prigogine sieht die Natur pluralistisch, Vielfalt ist ein Strukturmerkmal, nicht nur in lebendigen Systemen. Die Natur entwickelt sich in einzigartiger Weise, experimentiert ohne Unterlaß mit neuen Mustern. Das ist alles ganz normal und selbstverständlich, einfach "natürlich". Prigogine assoziert dieses Spiel der Natur mit der Tätigkeit der Menschen, und weist jeden Anspruch irgendeiner Idee auf absolute Gültigkeit zurück. Postmodern nennt man das wohl in der Philosophie. Da nimmt er auch die Wissenschaft nicht aus. Das erleichtert die Kommunikation unter Vertretern verschiedener Schulen. Seine Ansicht ist demokratisch im besten Sinne. Die Formel "Von der Natur lernen" hat hier ein freundliches Gesicht, ganz anders als die lange unser Verhältnis zur Natur bestimmende Formel vom "Kampf ums Dasein". Ohne Zweifel gibt es den, aber eben nur unter anderem. Sympathisch.


5. Positives Verständnis von Irreversibilität
Prigogine hat ein positives Verständnis von Irreversibilität, die er als Schlüssel zu einem tieferen Verständnis des Lebens entdeckt hat. Irreversibilität, das heißt Unumkehrbarkeit. Ein Beispiel aus der Physik ist die Wärmeleitung, die immer in Richtung Angleichung von Temperaturunterschieden geht und nie umgekehrt. Das ist nichts Neues. Neu ist die Entdeckung der besonderen Rolle irreversibler Prozesse beim Verständnis des Lebens. Sie ermöglichen interessante Einsichten bei der Unterscheidung von Mensch und Maschine. Auch ein neues Verständnis von ZEIT ist mit dem Begriff der Irreversibilität verknüpft.
In der Psychiatrie geht es oft noch darum, eine "Störung" zu beseitigen, den alten Zustand vor der "Erkrankung" wiederherzustellen.Mit der Brille des Ilya Prigogine ist die Störung möglicherweise der Beginn eines Prozesses der Selbstorganisation, die in diesem Verständnis unvermeidlich, natürlich ist, und es kommt darauf an, sie zu einem positiven Ende zu führen, wobei das Ende "offen" ist. Es gibt keinen Endzustand, wo man den Patienten hinbringen muß, und es ist auch nicht der Ausgangszustand vor der Psychose, der wiederhergestellt werden kann/muß. Irreversibilität zwingt dazu, die Lösung "vorne" zu suchen, die Herausbildung einer neuen Ordnung zuzulassen und günstige Bedingungungen dafür zu schaffen. Das waren meine Schlußfolgerungen. Für gute Therapeuten ist das auch ohne Prigogine selbstverständlich. Aber es kann ja nicht schaden, wenn man auch einen angesehenen Naturwissenschaftler an seiner Seite weiß.


Der Mühe wert
Natürlich ist der Versuch, Sie auf zwei Seiten neugierig auf Ilya Prigogine zu machen, ein Wagnis. Eine so verkürzte Darstellung muß vereinfachend sein, ist immer angreifbar. Seine "Sprache solide zu erlernen" erfordert eine gewisse Mühe, wie auch das Erlernen anderer Sprachen. Ich denke aber, daß sich die Mühe lohnt und spreche aus Erfahrung. Mir waren Prigogines Ideen eine große Hilfe, den alleinigen Anspruch auf Wissenschaftlichkeit von Seiten der Vertreter des "medizinischen Modells seelischer Störungen" als unberechtigt zurückweisen. Das schaffte mir den Raum, mich gegen den Druck von dieser Seite zu behaupten, die für mich nur die Prognose eines Lebens unter Dauermedikation als realistisch ansah. Da ist es hilfreich, Alternativen zu kennen, damit man sie dann im Leben ausprobieren kann. Selbstorganisation, das kann ich für mich auch mit Selbstbestimmung und Selbstverantwortung übersetzen – und ohne Zweifel hat sie mir geholfen. Mein bestes Argument für Prigogine.


Das schöne Gefühl, verstanden zu werden – besser als alle Medikamente
Im übrigen ist es ein schönes Gefühl, von jemandem verstanden zu werden. Und vom "Verstanden werden" zum "Verstehen" ist es nur ein Katzensprung. Ich kann mich noch gut erinnern, wann ich dieses schöne Gefühl zum ersten Mal nach meinem Psychoseerlebnis wieder gehabt habe. Es war beim Vortrag von Dorothea Buck in Krefeld, bei dem sie u.a. ihre Idee von der "Psychose als Selbstfindung" anhand ihrer eigenen Geschichte entwickelte. Ich fühlte mich ernst genommen und verstanden. Das tiefe Verständnis der Natur des Ilya Prigogine hat auf mich eine auml;hnlich angenehme, Spannung lösende Wirkung. Und es ist für mich kein Zufall, daß hier zum Schluß die Namen einer fähigen Autodidaktin und eines unabhängig denkenden Wissenschaftlers ganz eng beieinander stehen.


Nachbemerkung:
Der Autor ist Lehrer für Physik und Biologie an einem Krefelder Gymnasium und psychoseerfahren. Er arbeitet wieder ohne jede Einschränkung in seinem erlernten Beruf.

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Weltbild im Wandel 2 - Ordnung ist das halbe Leben...

...Unordnung ist die andere Hälfte.

von Kalle Pehe


Das gnadenlos erfolgreiche Forschungskonzept, das vielleicht mit Galileo Galilei im Abendland eingezogen ist („Messen, was messbar ist, und messbar machen, was nicht messbar ist"), bescherte uns sicher viele interessante Einsichten in Naturabläufe und schuf auch die Voraussetzungen für fantastische technische Schöpfungen des Menschen.

Aber nichts ist verführerischer als der Erfolg: Er kann das Denken der Menschen auch fesseln und die Illusion nähren, dass ein erfolgreicher Mensch nun a l l e Möglichkeiten hat. Er kann das Maß verlieren und das Gespür für Grenzen.


Die Chaosforschung konnte überzeugend zeigen, dass die Vorstellung eine Illusion ist, dass der Mensch nur lange genug forschen muss, um schließlich alles zu wissen, dass er Unwissenheit planmäßig und überall durch Wissen ersetzen kann.
Die Natur zeigt sich vielmehr als ein feinmaschiges buntes Gewebe aus determiniertem und offenem Geschehen.
Ein Beispiel dazu: Es ist noch nicht so lange her, da pilgerten jede Menge Leute durch Deutschland, um eine totale Sonnenfinsternis zu erleben, die exakt vorausberechnet war. Man wusste genau, wann, wo, wie viel von der Sonne verdunkelt sein würde. Ja und die Natur spielte mit. Nur, welches Wetter an diesem Tage herrschen würde, und ob sich das Jahrhundertereignis schamhaft hinter Wolken verhüllen würde, nun, das konnte keiner so genau sagen. Und so sind dann auch nicht wenige umsonst unterwegs gewesen. That´s life.
Diese Beobachtung bedeutet nun nicht etwa, dass unsere Physik oder Mathematik unzuverlässig wäre, oder dass wir halt nur ein paar hundert Jährchen weiter rechnen müssten. Nein, die Natur ist, wie sie ist. Und so will ich meinen zweiten Kurzbeitrag mit der Definition des Chaos beenden, wie Prof. Peitgen sie in Krefeld gab:


Chaos ist die Unmöglichkeit einer praktischen Vorhersage inmitten des Gültigkeitsbereichs mathematisch exakter Gesetze.
Und der deutsche Physiknobelpreisträger Prof. Gerd Binnig hält die philosophischen Konsequenzen dieser Entdeckung, dass sich die Natur in vielen Bereichen chaotisch verhält, für so weitreichend, dass er sie mit dem Umbruch im Weltbild durch die Quantenphysik vergleicht. Auch da stieß die Vorhersagbarkeit von Ereignissen an prinzipielle Grenzen.
Angedeutet sei hier schon mal, dass es gute Gründe gibt anzunehmen, dass die Entwicklung bei seelischen Störungen in weiten Bereichen ebenfalls „chaotisch", also nicht vorhersagbar ist. Das bedeutet Unsicherheit, aber für die, denen man „todsichere" Prognosen gestellt hat, auch ein bisschen Hoffnung.

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Weltbild im Wandel 2 - (2.Fassung) - Was ist Chaos überhaupt?

von Kalle Pehe

Die Erfolge des mathematisch-naturwissenschaftlichen Weltbildes haben Menschen dazu verleitet zu glauben, dass naturwissenschaftliche Forschung dazu führen wird, dass unsere Unwissenheit über die Welt und uns selbst allmählich geringer und unser Wissen darüber allmählich immer größer wird. In einem Bild könnte man sagen, dass man glaubte, dass sich die Inseln des Wissens in einem Meer des Nichtwissens allmählich vergrößern werden.


Die Chaosforschung führt uns zu der Erkenntnis, dass absolutes Wissen gar nicht möglich ist.
Chaos, so die Definition von Prof. Heinz-Otto Peitgen, ist die Unmöglichkeit einer praktischen Vorhersage
bei strenger Gültigkeit eines mathematischen Gesetzes.


Mitten in vermeintlich sicherem (determinierten) Gelände treten immer wieder überraschende Zonen der Unwissenheit auf und das scheint eine grundlegende Eigenschaft von Natur zu sein, die mit Mathematik vereinbar und trotzdem nicht durch Mathematik zu beseitigen ist.
Der Mensch kann also nicht länger erwarten, dass er über naturwissenschaftliches Forschen allein absolute Gewissheiten über sich und die Welt gewinnen kann.


Der Nobelpreisträger für Physik Prof. Gerd Binnig spricht von philosophischen Konsequenzen, die in Ihrer Tragweite nur mit dem Umbruch in der Quantenphysik vergleichbar sind. Auch da stieß die deterministische mathematische Beschreibung der Natur an prinzipielle Grenzen. Deterministische Beschreibung meint, dass man Naturgeschehen zuverlässig voraussagen kann, wenn man die Naturgesetze kennt. Auch das Verhalten von Menschen sollte demnach vorhersagbar werden, wenn man die Rahmenbedingungen nur genau genug kennen würde.

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Weltbild im Wandel 3 - Schlieren im Farbteppich
Was ist also gemeint mit den Zonen der Unwissenheit inmitten der Gültigkeit mathematischer Gesetze?
von Kalle Pehe

 

Das sei an einem einfachen Beispiel erklärt:
Ein Pendel mit einer magnetisierbaren Kugel schwinge über drei Magneten, die die Eckpunkte eines gleichseitigen Dreiecks (z.B.) bilden. Jeder Ecke wird eine von drei Farben zugeordnet (z.B. rot, blau und gelb). Das Pendel muss entscheiden, bei welchem der drei Magneten es zur Ruhe kommt. Bei unterschiedlichen Startpunkten "wählt" das Pendel jeweils einen anderen Magneten. Das lässt sich in einem Computer simulieren und durch entsprechende Farbgebung der Startpunkte darstellen. Die Ergebnisse entsprechen denen, die man bei praktischen Versuchen macht. Man bekommt also eine Art Rasterbild farbiger Startpunkte, je nachdem bei welchem Magneten (Farbig markiert) dass Pendel zur Ruhe kommt. Das Raster kann man dann (beliebig) immer feiner machen.


In bestimmten Startgebieten ist eine sichere Vorhersage praktisch unmöglich, da sich auf engstem Raum alle Farben mischen (wie Schlieren beim Vermischen verschiedener flüssiger Farben), in anderen Gebieten ist sie dagegen zuverlässig möglich, da es klar umgrenzte einfarbige Gebiete gibt. Diese Mischung von determinierten und nicht determinierten Bereichen scheint eine prinzipielle Eigenschaft der Natur zu sein, die nichts mit mangelnden Kenntnissen des Menschen zu tun hat. Selbst wenn wir alle Rahmenbedingungen genau kennen würden, bliebe diese Unsicherheit bestehen. Die Vorstellung, es könne in der Natur (im Leben) so etwas wie absolute Gewissheit geben, hat sich als ideologisches Konstrukt erwiesen, dass mit der Wirklichkeit nur unter bestimmten Bedingungen übereinstimmt. Unwissenheit über den Fortgang der Natur lässt sich auch von einem "Laplaceschen Dämon" nicht bezwingen, der theoretisch alle Anfangsbedingungen und Naturgesetze genau kennen würde. Genauigkeit ist nämlich nicht beliebig: Nach der 100.ten Stelle hinter dem Komma, kommt nämlich die 101.te, und nach der 498.ten kommt die 499.te, ...ja, und dann wird u.U. alles plötzlich ganz anders.


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Weltbild im Wandel 4 - Chaos mit freundlichem Gesicht

von Kalle Pehe

Wer sich die blau-rot-gelben Bildchen zum Magnetpendel mal angesehen hat (siehe Weltbild 3), der hat nun einen farbigen Eindruck davon, was unsere Chaosforscher über unsere Welt aussagen. Da gibt es Dinge und Ereignisse, die man zuverlässig erkennen bzw. vorhersagen kann, und da gibt es Bereiche, wo praktisch alles offen ist, Vorhersage schlicht unmöglich. Startet unser Pendel irgendwo in den einfarbigen Zonen, so wissen wir sicher, bei welchem Magneten es zur Ruhe kommt. Startet es in den farbigen Schlieren, so ist alles offen.
Alles offen? Denkste. Wenn man sich in der Natur umschaut, so finden sich auch dort, wo das Chaos regiert, interessante Strukturen. Das Nichtvorhersagbare (Chaos) zeigt sich trotz alledem oft überraschend ordentlich, wenngleich die Strukturen nach keinem irgendwo festgelegten Plan erzeugt werden.


Selbstorganisation ist das neue Zauberwort.


Ein Beispiel: Untersucht man die Insektenstaaten ( Bienen, Ameisen, Termiten) so findet man einen hervorragend organisierten Superorganismus, ohne dass es eine Zentrale Instanz gibt, einen zentralen Plan, nach dem sich die Tiere richten würden. Kein Tier alleine kann die Ordnung "überblicken", trotzdem ist diese Ordnung vorhanden.


Die Tiere haben alle nur begrenzte Fähigkeiten, die man durch genaue Beobachtung und Experimentieren herausfinden kann. Sie handeln nach lokalen Regeln, die Ordnung im Staat entsteht dann ganz von alleine. Man kann das in Computerprogrammen simulieren, in denen man entsprechende "Bienchen" nach solchen Regeln agieren lässt.
Ändert man eine Regel, so kann die Ordnung zusammenbrechen, manchmal entsteht aber auf die gleiche Weise eine neue andere Ordnung. Niemand gibt Kommandos, niemand gehorcht fremden Befehlen. Jedes Tier handelt nach eigenen inneren Plänen, die durchaus eine gewisse Flexibilität beinhalten.


Das soll reichen für heute. Wer da mal in Ruhe drüber nachdenkt, sollte einen guten Grund gefunden haben, dass auch wir Menschen tun sollten, was wir selbst für richtig halten. Damit eine attraktive Ordnung entsteht.


"Vom Glück des Ungehorsams" lautet ein Lieblingsbuch von mir. Es ist eine Biographie über Henry David Thoreau. Geschrieben hat sie Heiner Feldhoff, und erschienen ist sie im Beltz-Verlag. Ich bin auch ein ungehorsamer Mensch, das ist nicht immer bequem, aber ich finde, Thoreau hat recht:


Der Mensch ist glücklicher damit
(wenn er noch ein paar andere Regeln dabei beachtet)
.

 

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Weltbild im Wandel 5 - Zwischenbilanz in der Karwoche

von Kalle Pehe

Wer mal einen Blick in mein kleines "Chaospuzzle" geworfen hat (Weltbild 1-4), der weiß jetzt also schon, dass auch unsere Naturwissenschaftler gemerkt haben, dass sie nicht alles wissen können.


Die Welt als feinmaschiges Gewebe aus bekannten (und berechenbaren) Gebieten und offenem Gelände, in dem die Regel gilt: Nichts Genaues weiß man nicht.


Der Mensch, der alles unter Kontrolle haben möchte, kann sich eigentlich nicht länger als der große Wissenschaftler fühlen (schon gar nicht als der einzige ), sondern muss sich fragen lassen, ob er nicht vielleicht auch ein Problem haben könnte, das Unsichere und Unwägbare in der Welt zu akzeptieren.


Ja, und dass das Chaos durchaus ein freundliches Gesicht haben, überraschende Ordnung hervorbringen kann, auch wenn sie nicht exakt berechenbar oder vorhersagbar ist, wissen wir jetzt auch schon. U.a. erleben wir das, wenn wir intuitiv handeln, wenn uns plötzlich ein Licht aufgeht..


Der Schrecken hält sich also in Grenzen, der mit dem Verlust an Gewissheit verbunden ist, und man kann vielleicht sogar wieder ein bisschen neugierig werden auf diese Welt, die sich nicht so recht in Schubladen zwingen lässt.


Die neuen Erkenntnisse haben uns etwas genommen (die vermeintliche Gewissheit), aber machen uns zugleich ein großes Geschenk: die Einsicht, dass das Weltgeschehen prinzipiell offen ist und auch der einzelne Mensch wieder als freies Wesen gedacht werden kann.


Du bist wichtig, liebe/r Teilnehmer/in an diesem Forum!
Wenn das keine schöne Osterbotschaft ist?
Zuvor müssen wir allerdings erst noch die Karwoche überstehen,
in der die Kehrseite der Auferstehung (Erlösung), das Leid und der Tod wichtige Themen sind, die bestanden werden wollen.

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Weltbild im Wandel 6 - Die Wissenschaft spricht für uns – für die Selbsthilfe

von Kalle Pehe

Man kann sich über die Ansicht der Chaosforscher - Naturgeschehen ist nur zum Teil vorherbestimmt/berechenbar - freuen, weil damit eine neue Offenheit in unser Weltbild zurückkehrt. Man kann sich aber auch vor der Ungewissheit fürchten, weil uns Ungewissheit schließlich auch böse Überraschungen bescheren kann.


Nirgendwo erleben wir das deutlicher als in der Politik, wo durchaus gutgemeinte Absichten nicht selten das genaue Gegenteil von dem bewirken, was man beabsichtigte (z.B. Krieg anstatt Frieden). Und auch in der Medizin, nicht zuletzt der Psychiatrie, kann man ein Lied davon singen:
Iatrogene Schäden nennen es die Mediziner, wenn sich die Gesundheit durch die Behandlung verschlechtert, statt verbessert.
Hausgemachte Katastrophen nennt man das im Alltag.


Die Vorstellung, dass es in der Medizin immer eindeutig richtige Konzepte geben könne , die ein vorhersagbares Ergebnis bringen, ist vor dem Hintergrund neuer Erkenntnisse der Chaosforschung nur ein Teil der Wahrheit. Auch für die, die sich „einen Dreck um hohe Wissenschaft scheren" zählen die Erfahrungen, dass es auch in der Medizin Überraschungen gibt:
Da kann etwas völlig daneben gehen, obwohl man „alles richtig" gemacht hat (Wer entscheidet, was richtig ist?) und trotz entmutigender Prognose können sich Dinge auch überraschend zum Guten wenden.
Die Psychiatrie bildet keine Ausnahme.


So gilt es in bestimmten Kreisen immer noch als der letzte Schrei, eine „Entgleisung des Stoffwechsels" als die Ursache seelischer Störungen anzusehen und dort korrigierend chemisch zu intervenieren. Dorothea Buck spricht vom „Medizinischen Krankheitskonzept seelischer Störungen" und meldet kompetente Zweifel daran an: Wenn Menschen von der Schizophrenie genesen können, und das ist gar nicht so selten, wie kann man da pauschal von einer angeborenen Stoffwechselerkrankung sprechen? (siehe dazu ihren Aufsatz „Kritik am Med. Krankheitskonzept..." unter www.bpe-online.de im Infopool unter der Rubrik „Normalität und Gesellschaft")
Aus der Chaosforschung drängt sich ein anderes Bild (Modell) der seelischen Störung auf:


Eine alte Ordnung zerfällt (Desillusionierung) und eine neue Ordnung muss sich erst herausbilden, die sowohl die Seele als auch das Umfeld eines Menschen betrifft. Die seelische Störung wäre in diesem Bild eine Art Übergangszustand in eine andere neue Normalität.
Dorothea Buck spricht von einem Selbstfindungsprozess, und ich nenne es einen Prozess der Selbstorganisation, der die Seele und das Umfeld erfasst und einen neuen attraktiven Ordnungszustand hervorbringen kann. Warum die Dinge nicht einmal so betrachten?
Ein wiedererstarktes Selbstbewusstsein steht dabei im Mittelpunkt der Aufmerksamkeit. Und ganz ehrlich: Da muss sich in unseren Psychiatrien noch sehr viel ändern, wenn das auch dort möglich werden soll. Ich bin dort kleiner als eine Kirchenmaus geworden und konnte mich nur außerhalb psychiatrischer Institutionen und Denkmuster weiterentwickeln.


Die Chaosforschung hat mir „offenes Gelände" gezeigt und (für mich als Naturwissenschaftler ist das auch wichtig) das angeschlagene Ansehen einer oft korrumpierten „Wissenschaftskirche" wiederhergestellt. So ist meine Psychiatriekritik durchaus nicht „antiwissenschaftlich" angelegt, im Gegenteil bin ich der Überzeugung, dass unsere Psychiater große Anstrengungen unternehmen müssen, den Anschluss an moderne Entwicklungen in der Wissenschaft wiederherzustellen. Dass eine solche Einschätzung aus dem Munde eines Laien zunächst wenig ausrichten kann, muss ich aushalten. Wenn wir in der Selbsthilfe mit neuen Konzepten erfolgreich sind, werden wir aber sicher Verbündete und Respekt gewinnen.

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