Praktische Anti-Stigma-Arbeit oder

Irren ist menschlich

 

Kalle Pehe hat nach einem viermonatigen stationären Aufenthalt 1991 in der Psychiatrie als Lehrer einen neuen Anfang versucht. Heute kann er sagen, dass dieser Versuch rundum geglückt ist. Er erzählt, wie er das geschafft hat.

Da an der Schule bekannt ist, dass »ich mal in der Klapse war«, bleibt es nicht aus, dass mich vor allem neue Schüler, die das von anderen hören, danach fragen. Das tun sie erst dann, wenn sie mich als etwas anderen Lehrer kennen und (in der Regel) auch schätzen gelernt haben. Deshalb habe ich mich dann entschlossen, mal etwas für die Schüler und Eltern aufzuschreiben, was ich allgemein dazu zu sagen habe.

Den Schulleiter habe ich informiert, und er begrüßte ausdrücklich meinen Entschluss, offen damit umzugehen. Persönlichere Dinge zu meiner Geschichte sind persönlichen Gesprächen vorbehalten, wenn' s denn passt.

 

»Herr Pehe, ich muss Sie mal was fragen. Da erzählen einige, dass Sie mal in der Irrenanstalt waren.« Das Mädchen aus der fünften Klasse hat mich seit ein paar Wochen als Biologie-Lehrer und kann es nicht glauben. »Ja, es stimmt, ich bin da mal gewesen«, ist meine Antwort, »und wie du siehst, bin ich da auch wieder herausgekommen.« Klar, dass ich nun eine Unterrichtsstunde zu dem Thema machen muss, damit die Kinder ein bisschen besser Bescheid wissen.

In Kürze das Wesentliche: Ein Mensch kann sich nicht nur die Knochen brechen, wenn er gegen ein Auto läuft oder mit dem Fahrrad stürzt. Er kann auch an seiner Seele Schaden nehmen. Das sieht man von außen oft nicht, kann sich aber von innen umso schlimmer anfühlen. Und wie es Krankenhäuser gibt, wo man seine Knochen wieder zusammenschrauben lassen kann, so gibt es auch Krankenhäuser für die Seele (»Psyche« meint Seele und kommt aus dem Griechischen). Heute sagt man »psychiatrisches Krankenhaus« dazu, manchmal auch Psychiatrie, Nervenklinik, Irrenhaus, Klapsmühle oder Klapse. So einfach wie das Zusammenschrauben der Knochen (was auch schwierig sein kann!) ist das allerdings mit der Seele nicht. Es gibt Menschen, die sich ein Leben lang mit einer verletzten oder »kranken« Seele herumplagen. Andere werden wieder gesund und finden ihren Lebensmut wieder. Ich denke, dass das bei mir inzwischen der Fall ist.

Die Gründe für eine seelische Erkrankung/Verletzung können sehr verschieden sein.

Ein geliebter Mensch stirbt, und anders als bei vielen anderen, die nach einer Trauerzeit wieder zurecht kommen, gibt es Menschen, denen das nicht gelingt und manchmal sogar jeglichen Lebensmut verlieren. Andere »Schicksalsschläge«, die das auslösen, gibt es auch.

Ein Mensch kann durch eine Sucht so sehr beeinträchtigt werden, dass sein Leben immer mehr durcheinandergerät. Es kann sein, dass er schließlich »nichts mehr auf die Reihe kriegt« und Hilfe braucht.

Stress im Beruf/in der Schule oder im sozialen Umfeld (Familie, Freunde ...) kann so groß werden, dass ein Mensch regelrecht zusammenbricht oder mit manischer Aktivität darauf antwortet. Er findet dann keine Ruhe mehr oder lässt andere nicht mehr in Ruhe, so dass Menschen einen Arzt zu Rate ziehen. Oder er läßt alle Hoffnung fahren.

Manchmal hören Menschen auch Stimmen, sehen Dinge, die für andere nicht zu sehen sind, oder fühlen sich verfolgt oder bedroht von irgendwelchen Geheimdiensten. Auch das kann sich so sehr steigern, dass der Mensch selbst Hilfe sucht oder seine Angehörigen. Dies nur mal so als kleine Auswahl.

Diese Dinge können jeden Menschen im Leben einmal betreffen, sei es, dass er selbst in Schwierigkeiten kommt oder einer seiner Freunde oder Angehörigen. Viele haben Angst davor, wollen davon nichts hören, wollen nicht »hineingezogen werden«. Je weniger man aber darüber Bescheid weiß, umso »buntere Bilder« malt die Fantasie davon. Daraus entstehen Vor-Urteile, unter denen Psychiatriepatienten und ihre Angehörigen besonders leiden. Im schlimmsten Fall kursieren regelrechte Horrorgeschichten über die »Psychopathen«, die in Film und Fernsehen oft in der Rolle des Bösewichts auftreten. Sind »Psychopathen« gewalttätig? Untersucht man dieses Vor-Urteil redlich, so kommt heraus, dass das bei Menschen, die in der Psychiatrie einmal behandelt wurden, nicht häufiger ist als bei anderen. Es stimmt also nicht, dass von ihnen allgemein eine größere Gefahr für die Gesellschaft ausgeht als von anderen Menschen.

Viele leiden unter den Vor-Urteilen, finden keinen Job mehr, wenn bekannt wird, dass sie mal in der »Klapse« waren. Ich habe da großes Glück gehabt. Als Beamter genieße ich einen besonderen Kündigungsschutz, und ich habe eine Schule (mit Park!) gefunden, in der ich mich »entwickeln« konnte. »Entwicklung« aus »Verwicklungen«, nicht nur ein Wortspiel. Heute spricht man mich immer mal wieder darauf an. Rot werde ich aber nicht mehr dabei. Ich habe Freude an meinem Beruf, und die Menschen, mit denen ich arbeite, merken und schätzen das. Ich habe in meiner Lebenskrise sehr viel gelernt, was für mich und andere Menschen in der Krise wertvoll ist. Es liegt mir auch daran, etwas gegen die Vor-Urteile zu tun. Wenn ich in meinem Beruf eine gute Arbeit mache, so ist das ein kleiner Beitrag. Dieser Artikel soll dabei auch ein bisschen helfen.

Manchmal ist es die Beharrlichkeit in den kleinen Dingen, die irgendwann auch Großes möglich machen kann. Großes, das heißt hier ein »großes Herz« haben für Menschen in der Krise, damit sie es leichter haben, sich wieder zu fangen, so wie mir das mit der Unterstützung vieler Menschen möglich war. Ich mache vieles anders, sicher nicht alles richtig, und versuche, aus meinen Fehlern zu lernen, was ich im Übrigen auch meinen Schülern empfehle. »Irren ist menschlich« sagt der Volksmund und hat recht damit. Und »Spitze« ist der, der jeden Fehler nur einmal macht, sage ich. Ich hoffe, dass mir und Euch das immer besser gelingt.

 

In diesem Sinne wünscht Euch Kalle Pehe, viel Erfolg beim »Fehlern«.

 


Die Reaktionen waren durchweg positiv. Eine Schülerin aus der sechsten Kasse sagte, wenn ihr früher jemand erzählt hätte, dass ich ein »Psychopath« sei, hätte sie wohl auch Angst gekriegt. Aber jetzt kenne sie mich ja und wisse genau, dass ich ihnen nie etwas Böses antun würde.

Es ist gut, wenn Kinder solche Ängste mal aussprechen können, und es ist noch besser, wenn sie das mir direkt ins Gesicht sagen können, ohne Angst haben zu müssen. Ent-Stigmatisierung hat dann eigentlich schon stattgefunden, ganz ohne »Kampagne«. Ich spreche aus Erfahrung, wenn ich feststelle, dass ich die Menschen zunächst als Person in der Gegenwart überzeugen muss, damit sie sich ohne Angst auf den tabuisierten Teil meiner Vergangenheit einlassen können.

Die Kinder hat das sehr beschäftigt. Viele haben ein Krankenhaus in ihr Heft gemalt und zum Teil regelrechte Geschichten dazu geschrieben, in denen sie sich eine (andere) Vorstellung von, einer »Irrenanstalt« und den Menschen, die dort leben, zu machen versuchen. Auch Eltern setzen sich damit auseinander und äußern sich respektvoll.

 

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