Psychiatrie-Selbsthilfe als ernstzunehmder förderungswürdiger Faktor. Forderungen zu den Rahmenbedingungen, die für die Entwicklung der Selbsthilfe existenziell wichtig sind

von Peter Weinmann,

hauptamtlicher Leiter der Selbsthilfeanlauf- und -beratungssstelle des LVPE Saar e.V. in Saarbrücken.

 

Warum ist die Psychiatrie-Selbsthilfe so wichtig?


A. Für den Betroffenen


Die in der Selbsthilfebewegung Aktiven haben in vielen Beispielen vorgelebt, dass es ganz individuelle Wege hin zur seelischen Gesundheit gibt. Die meisten davon verlaufen abseits der Psychiatrie, bei vielen Wegen war die Psychiatrie sogar ein Hindernis.


Die Selbsthilfebewegung mit ihren Möglichkeiten der Öffentlichkeitsarbeit, wo sie enstand und gefördert wird, hat bewiesen, dass das biologische Verständnis von genetisch festgelegten Stoffwechselstörungen als Ursache (nicht Folge oder Entsprechung auf der biologischen Ebene) psychischer Krankheiten in vielen Fällen falsch ist. Oft produziert dieses Krankheitsverständnis Verzweiflung, Chronofizierung und Invalidität, da es keinerlei Perspektive zur Heilung bietet.

 


B. Für die Gesellschaft


Die finanzielle Situation der Sozial- und Gesundheitssysteme macht es erforderlich, die Erfahrungen und das Wissen auch der Psychiatrie-Selbsthilfe zu nutzen. Ohne Förderung von Selbsthilfe und Selbstermächtigung ("Empowerment") werden sich viele Menschen nicht aus der Abhängigkeit von psychosozialen und sozialspsychtrischen Hilfsangeboten lösen können, die Kosten im Sozial- und Gesundheitsbereich werden dort weiter stark ansteigen. Nach Angaben des Landesfachbeirats Psychiatrie Niedersachsen (Jahresbericht 2001) belaufen sich die Gesamtkosten der "Schizophrenie" in Deutschland auf 8,5 bis 18 Milliarden DM/Jahr, die "Depression" habe jedoch den höchsten Kostenanteil unter psychischen Störungen in Deutschland.

Es liegt also im Interesse beider Gruppen, der Betroffenen und Allgemeinheit, Erfahrung und Wissen von Psychiatrie-Erfahrenen zu nutzen, z.B. durch die Gründung und Unterstützung weiterer Selbsthilfeanlauf- und -beratungsstellen wie in Bochum, München und Saarbrücken, mit angemessener Personalausstattung.


Dies ist eine unserer zentralen Forderungen.


Was macht die Psychiatrie-Selbsthilfe im Saarland, was ist und tut der LVPE Saar e.V. bzw. was tun seine aktiven Mitglieder im einzelnen?


Der LVPE Saar e.V. wurde am 21.09.1993 in Saarbrücken als die Selbsthilfeorganisation und Interessenvertretung ehemaliger und derzeitiger PsychiatriepatientInnen im Saarland gegründet. Es folgte eine Phase des Aufbaus und vereinsinterner Positionierung. Von März 1998 bis Anfang April 2004 war Christina Quartz erste Vorsitzende. Nachdem sie in der letzten Mitgliederversammlung nicht mehr kandidierte, hat der Verband aktuell einen neuen 5köpfigen Vorstand ohne formale Hierarchie. In den Strukturen (MV, Gesamtvorstand und geschäftsführender Vorstand) und in den Kreis- und Selbsthilfegruppen des LVPE Saar e.V. wird die Willensbildung betrieben.


Ein Schwerpunkt der Arbeit sind, für Betroffene Verbesserungen in der Psychiatrie zu erreichen, durch Mitarbeit in den entsprechenden Gremien auf Landes- und Kreisebene sowie durch "Trialoge" mit beruflich psychiatrisch Tätigen und Angehörigen. LVPE-VertreterInnen gelang es nach schwierigen Verhandlungen mit Klinikchefärzten, die Möglichkeit schriftlicher Behandlungsvereinbarungen auf LVPE Saar-Formularen zwischen KlinikvertreterIn und potentiellem PatientIn zu schaffen. Wir erreichten, dass das alternative Soteria-Psychiatriekonzept Gegenstand der Fachdiskussionen im Saarland ist und hoffentlich bald Eingang in das psychiatrische Angebot findet. Ein guter Erfolg ist die LVPE Saar-Initiative zu einer professionellen Bescherdestelle Psychiatrie geworden, die Ende des Jahres zum Beginn des Modellprojekt "psychiatirsche Vertrauensperson" (pVP) nach erfolgreichem holländsichen Vorbild führen soll.


Ein zweiter Schwerpunkt ist das Bekanntmachen von sinnvollen nachhaltigen Behandlungsalternativen bei seelischen Problemen, Psychotherapien, auch aufdeckende oder körperorientierte Psychotherapien, Homöopathie, orthomolekulare Medizin etc. Wir organisieren Veranstaltungen sowie Kurse, und versuchen, die Ergebnisse zu veröffentlichen und einfachen finanziellen und örtlichen Zugang einzufordern.


Ein dritter Schwerpunkt beim LVPe Saar liegt im Organisieren von Freizeitveranstaltungen wie Kino, Sommerfeste, Skatturniere, Radtouren u.v.a.m. Gerade auch durch diese Komponente erreichen wir viele Psychiatrie-Erfahrene im Saarland, was sich auch in unserer vergleichsweise großen Mitgliederzahl (ca 160 Menschen) widerspiegelt.


Ein großer Schwerpunkt ist der Erfahrungsaustausch durch Gründung und Koordinierung von Selbsthilfegruppen, sowie die Selbsthilfeberatung der langjährig Aktiven sowie die Arbeit in den beiden "professionellen" Selbsthilfeprojekten des LVPE Saar, die Selbsthilfeberatungsstelle, die Ende 2000 gegründet wurde, und die Initiative "Weglaufhaus Saar", ein alternatives Krisenwohnprojekt nach Vorbild des Berliner Weglaufhaus "Villa Stöckle", das wir unseren Plänen nach 2005 eröffnen werden.

 

Krefeld, 28.04.04