Borderline-Betroffene:
ExpertInnen in eigener Sache?
Anfänge einer Selbsthilfebewegung von Borderline-Betroffenen und
ihren Angehörigen
Von Andreas Knuf, Christiane Tilly, Fiona Behrend und Tina Parlow
In den letzten zehn Jahren hat sich im deutschsprachigen Raum eine Trialog-
und Selbsthilfebewegung im Psychiatriebereich entwickelt, die zuvor
niemand für möglich gehalten hätte. Diese Bewegung besteht
zu einem sehr großen Teil aus psychoseerfahrenen Menschen, dementsprechend
werden vornehmlich psychosespezifische Themen und Probleme wie etwa
der Umgang mit Medikamenten aufgegriffen. Betroffene mit anderen psychischen
Schwierigkeiten haben teilweise deutlich andere Anliegen, möglicherweise
haben sich viele von ihnen auch aus diesem Grunde in der gegenwärtigen
Selbsthilfebewegung noch nicht engagiert. Nun gibt es erste Ansätze
einer Selbsthilfebewegung bei Borderline-Betroffenen. Trotz Vorbehalten
und Hürden schließen sie sich zusammen, um sich gegenseitig
zu unterstützen, aber auch um sich Gehör zu verschaffen. Bei
geschätzten 1 bis 2 Millionen Borderline-Betroffenen im deutschsprachigen
Raum besteht ein massiver Bedarf an Selbsthilfeangeboten. Sind die Mauern
der Isolation erst überwunden, haben wir mit Sicherheit eine ausgesprochen
starke und lebendige Bewegung zu erwarten. Diese Bewegung braucht Unterstützung
von professioneller Seite. Aber wollen sich Profis tatsächlich
eine weitere Selbsthilfebewegung antun"? Man hatte sich doch
gerade so schön eingerichtet mit den Aktivitäten des BPE (Bundesverband
der Psychiatrie-Erfahrenen e.V.), den lokalen Psychoseseminaren, der
Behandlungsvereinbarung usw. Nun zeigt sich, dass diese Bemühungen
in erster Linie auf die Gruppe der Psychoseerfahrenen ausgerichtet sind.
Der Blick über den Tellerrand wirft die Frage auf, in welchem Ausmaß
wichtige Interessen anderer Klientengruppen bisher vernachlässigt
wurden.
Selbsthilfe
Bereits vor mehreren Jahren gründeten sich in Deutschland Borderline-Anomymous-Selbsthilfegruppen,
die zumeist von bestimmten Kliniken ausgehend nach dem 12-Schritte-Programm
der Anonymen Alkoholiker arbeiten. Derzeit gibt es etwa zehn solcher
Gruppen. Die Anfänge der frei organisierten" Selbsthilfe
von Borderline-Betroffenen hingegen war das Internet. Vor einigen Jahren
entstanden erste große Internetportale. Am bekanntesten ist zunächst
wohl die Borderline-Community geworden (www.borderline-community.de),
die 1999 gegründet wurde und heute etwa 500 Aufrufe pro Tag verzeichnet.
Neben dieser nach dem Vorbild amerikanischer Selbsthilfeseiten entstandenen
Seite, wurden weitere Portale ins Leben gerufen, beispielsweise www.borderline-plattform.de.
Über Chatforen und Mailinglisten lernten sich Betroffene zunächst
nur via Computer kennen, einer Kontaktform, die Borderline-Betroffenen
aus verschiedenen Gründen sehr entspricht, unter anderem, weil
sie Nähe auf Distanz" ermöglicht. Aber schon bald
gab es das Bedürfnis nach realen Begegnungen und es kam zu ersten
lokalen Treffen, aus denen einzelne Selbsthilfegruppen hervorgingen.
Heute gibt es etwa zehn Selbsthilfegruppen u.a. in Berlin, Wuppertal
und Freiburg. Diese Gruppen sind zumeist unabhängig voneinander
zeitgleich entstanden, was das gegenwärtig hohe Bedürfnis
nach solchen Gruppen verdeutlicht. Darüber hinaus sind uns mittlerweile
zwei Angehörigen-Gruppen bekannt, die eng an die Selbsthilfegruppen
für Betroffene angegliedert sind. Außerdem gibt es verschiedene
virtuelle" Möglichkeiten des Austausches für Angehörige
im Internet (www.borderline-angehoerige.de und www.bpd-partner.de).
Die Erfahrung Borderline-Betroffener mit dem Aufbau von und der Arbeit
in Selbsthilfegruppen hat gezeigt, dass die Betroffenen spezifische
Strukturen und Absprachen brauchen, um funktionierende" Gruppen
aufbauen und in ihnen sinnvolle Unterstützung finden zu können.
So ist es im Gegensatz zu Selbsthilfegruppen für andere psychische
Probleme bei Borderline empfehlenswert, besonders schwierige Lebenserfahrungen,
die von den Betroffenen als traumatisch erlebt wurden, im gegenseitigen
Gespräch auszuklammern. Selbsthilfegruppen sind nämlich nicht
in der Lage, die entstehende Dynamik zu kontrollieren, außerdem
kann die Schilderung traumatischer Erfahrungen zu Triggern"
für andere Gruppenmitglieder werden. Borderline-Selbsthilfegruppen
müssen sich daher klare Regeln schaffen, die vor allem auch dazu
dienen, die Handlungsfähigkeit der Gruppe zu erhalten. Dies betrifft
beispielsweise Themen wie den Umgang mit Suizidäußerungen
oder akuter Suizidalität. Für einige Gruppen hat sich Unterstützung
durch Fachleute als hilfreich erwiesen. Da Borderline-Betroffene deutlich
weniger Berührungsängste" im Umgang mit Profis
haben als etwa psychoseerfahrene Menschen, werden Fachleute von einigen
Gruppen in regelmäßigen Abständen als fester Coach"
hinzugebeten.
Von professioneller Seite finden Borderline-Selbsthilfegruppen derzeit
erst ganz vereinzelt die nötige Unterstützung und Aufbauhilfe,
von finanzieller Unterstützung ganz zu schweigen. So müssen
sich die großen Borderline-Internetportale voll selbst finanzieren.
Borderline-Selbsthilfegruppen gegenüber besteht vielerorts weiterhin
das Vorurteil, die Betroffenen würden sich untereinander nur weiter
in ihre Dynamik hineinsteigern, anstatt sich gegenseitig zu unterstützen.
Außerdem wird, ähnlich wie bei psychoseerfahrenen Menschen
auch, wieder die These vertreten, aufgrund der Krankheitsdynamik sei
diese Betroffenengruppe nicht in der Lage, aktive und wirkungsvolle
Selbsthilfe zu betreiben.
Interessenvertretung
Da der BPE in erster Linie eine Vereinigung psychoseerfahrener Menschen
ist, fühlen sich Psychiatrie-Erfahrene mit anderen Erkrankungen
dort in ihren spezifischen Belangen teilweise nur unzureichend vertreten
oder gar nicht erst vom Verband angesprochen. Das führt dazu, dass
eine Vielzahl Betroffener mit anderen psychischen Erkrankungen nicht
dem BPE beitritt, aber gegenwärtig auch keine andere Interessenvertretungsorganisation
für ihre Probleme und Anliegen findet. Ähnliches gilt für
die Angehörigen-Selbsthilfe. Auch dort finden sich Borderline-Angehörige
häufig nicht zurecht. Anders als etwa bei Psychose-Angehörigengruppen,
haben bei Borderline oft in erster Linie LebenspartnerInnen oder FreundInnen
und erst in zweiter Linie die Eltern das Bedürfnis, sich auszutauschen
und zusammenzuschließen. Das zeigt sich beispielsweise auch in
den Angehörigen-Mailinglisten, die von vielen PartnerInnen abonniert
werden. Bisher gibt es keine Bemühungen eines Zusammenschlusses
von Borderline-Erfahrenen oder Angehörigen mit dem Ziel der Interessenvertretung.
Wie groß ist gegenwärtig das Interesse bereits bestehender
Organisationen, Borderline-Betroffene und ihre Angehörigen zu integrieren?
Eine Integration der Anliegen verschiedener Betroffenengruppen würde
nicht nur die Möglichkeit für Borderline-Betroffene und ihre
Angehörigen schaffen, sich einer Organisation anzuschließen,
sondern könnte auch für bereits bestehende Organisationen,
die einen relativ umfassenden Vertretungsanspruch haben (wie BApK oder
BPE), bereichernd sein. Wenn die bisher bestehenden Organisationen ein
Interesse daran haben, sich für diese Gruppen zu öffnen, werden
sie zum Teil neue Strukturen dafür entwickeln und für neue
Anliegen offen sein müssen. Dafür wird innerhalb der gegenwärtigen
Selbsthilfeorganisationen eine selbstkritische Auseinandersetzung mit
dieser Problematik unumgänglich sein, die teilweise auch schon
stattfindet.
Offen bleibt, welche Anliegen eine politische Selbsthilfevertretung
Borderline-betroffener Menschen vertreten würde. Da diese häufig
nicht den Abstand, sondern die Nähe zur professionellen Seite suchen,
wäre eine solche Bewegung möglicherweise sehr auf Kooperation
ausgerichtet.
Antistigma
Anders als etwa bei der Schizophrenie geht bei der Borderline-Erkrankung
die Stigmatisierung vielfach von den Fachleuten aus. Aus Gefühlen
von Hilflosigkeit oder fehlender Kompetenz entwickeln sich Abwertungsprozesse
von Borderline-KlientInnen, die sich u.a. in der Fachsprache (maligne
Regression", omnipotente Kontrolle", Manipulation"
usw.), aber auch in mehr oder weniger deutlicher Ablehnung der Betroffenen
(Nicht schon wieder ein Borderliner!") zeigen.
Auch den Angehörigen droht eine Stigmatisierung, ebenfalls wieder
von professioneller Seite. So wird etwa von der Dialektisch-Behavioralen-Therapie
(DBT) nach Marsha Linehan ein invalidierendes" Umfeld für
die Entstehung der Erkrankung mit verantwortlich gemacht. Das Konzept
erinnert in vielem an das Konzept der Expressed-Emotion der Psychoseforschung,
mit dem Unterschied, dass das EE-Verhalten der Umgebung nicht für
die Entstehung einer psychotischen Erkrankung verantwortlich gemacht
wurde, sondern nur für das Wiederauftreten. Eine invalidierende
Umgebung aber soll Borderline-Erkrankungen neben anderen Faktoren mit
hervorrufen können. Sind wir damit schon auf dem Weg zur borderlinenogenen
Mutter", die das Verhältnis zwischen Fachleuten, Betroffenen
und Angehörigen vergiftet, wie einst über Jahrzehnte das Konzept
der schizophrenogenen Mutter"? Bei Borderline-Erkrankungen
wird die Schuldfrage" dadurch verstärkt, dass viele
Betroffene ja tatsächlich schwer wiegende Traumaerfahrungen in
ihrer Herkunftsfamilie erlebt haben, ein Freispruch der Familie"
damit teilweise tatsächlich nicht möglich ist.
Um gesellschaftliche Stigmatisierungen bei psychotischen Erkrankungen
zu überwinden, wird seit Jahren eine weltweit geplante Anti-Stigma-Kampagne
betrieben. Gleich, wie man sie beurteilt, sie liefert der Bevölkerung
Informationen und wird bei den Medien zu einer erhöhten Sensibilität
für das Thema Psychosen führen. Borderline hingegen wird bisher
von breiteren Gesellschaftskreisen noch gar nicht wahrgenommen. Das
mag mit daran liegen, dass diese Erkrankung schwer zu fassen ist und
die Betroffenen teilweise sehr stabil und leistungsfähig wirken.
Da die gegenwärtige Anti-Stigma-Kampagne fast ausschließlich
über Psychosen aufklärt, besteht die Gefahr, dass das Stigma
auf andere psychische Erkrankungen verlagert wird. In Zukunft würden
dann nicht mehr die Psychosen, sondern andere psychische Erkrankungen
stigmatisiert. Bei der Borderline-Erkrankung ist nach unserer Auffassung
dieses Problem besonders gegeben. Aufmerksam auf diese mögliche
Verlagerung wurden wir unter anderem durch ein Interview, das Frau Schröder-Köpf
im Jahr 2001 auf NDR 4 INFO gab. Anlässlich einer von der CDU gestarteten
Plakataktion, die Gerhard Schröder als Schwerverbrecher hinter
Gittern zeigte, äußerte sie ihre Besorgnis, dass psychisch
kranke Menschen, namentlich Borderliner, durch ein solches Plakat zu
einem Attentat verleitet werden könnten. Weiter behauptete sie
im Interview fälschlich, dass es sich auch bei der Attentäterin
von Oskar Lafontaine um eine Borderline-Betroffene gehandelt habe. Das
Gefährliche an diesen Menschen sei, dass sie nach außen ganz
normal und unauffällig wirkten.
Wie viel Stigmatisierung braucht unsere Gesellschaft, und wohin wird
das Stigma in den nächsten Jahren wandern?
Potenziale
nutzen
Erste Erfahrungen mit dialogischen Fortbildungen haben uns gezeigt,
wie wichtig ein Erfahrungsaustausch zwischen Fachleuten und Betroffenen
ist. So lässt sich ein neues Verständnis entwickeln und Fallen
vermeiden, in die beide Gruppen ansonsten immer wieder geraten. Borderline
zu verstehen, ist letztlich ohne einen Austausch mit den Betroffenen
nicht möglich. Gegenseitige Verletzlichkeiten müssen ebenso
benannt werden wie Erwartungen und Grenzen. Da dies heute häufig
nicht geschieht, tut sich die psychiatrische Behandlung mit Borderline-KlientInnen
häufig sehr schwer. Überhaupt fehlt es an Austausch zwischen
Fachleuten und Borderline-Betroffenen, um gemeinsam gegenwärtige
Missstände benennen zu können, die dazu führen, dass
Betroffene keine optimale Behandlung erhalten und Fachleute ständig
an der Grenze der Zumutbarkeit arbeiten müssen.
Erfreulicherweise gibt es bereits einige Veranstaltungen (beispielsweise
die zweiten Herforder Psychiatrie-Tage, Gütersloher Fortbildungswoche),
bei denen Betroffene zu Vorträgen eingeladen wurden. Mit wie viel
Stigmatisierung und Isolation Borderline weiterhin verbunden ist, zeigt
sich z.B. daran, dass gegenwärtig erst sehr wenige Betroffene und
noch weniger Angehörige bereit sind, von ihren Erfahrungen zu berichten.
Oft werden sie aber einfach noch nicht als ExpertInnen in eigener Sache
wahrgenommen. Auf Borderline-Veranstaltungen werden deshalb teilweise
Angehörige psychoseerfahrener Menschen als ReferentInnen eingeladen.
Wir glauben, dass es auch bei Borderline und bei einigen anderen psychischen
Erkrankungen einer Trialogbewegung bedürfte, um gegenseitige Vorurteile
abzubauen und auch um an Behandlungskonzepten zu arbeiten, in die mehr
als bisher die Erfahrung der Betroffenen und Angehörigen einfließen.
Zu fordern sind beispielsweise dialogische Forschungsansätze, etwa
zur Frage der Ursachen und Wirkungen von Stigmatisierungen durch professionell
Tätige. Hier könnte man auch von den Erfahrungen von Borderline-Betroffenen
profitieren, die in verschiedensten Berufen in psychiatrischen Einrichtungen
tätig sind. Je länger wir uns mit diesem Thema beschäftigen,
umso mehr Menschen mit Doppelerfahrung" lernen wir kennen,
die ihr Wissen aus Angst vor Stigmatisierung bisher nicht für KollegInnen
zugänglich machen.
Die gegenwärtige Trialogbewegung ist sehr an den Anliegen psychoseerfahrener
Menschen ausgerichtet und kann sich (noch?) nicht für einen trialogischen
Ansatz bei verschiedensten Betroffenengruppen einsetzen. Wir brauchen
deshalb u.a. so etwas wie Borderline-Seminare", wie auch
immer sie dann gestaltet sind. In Berlin gibt es bereits erste Versuche,
ein solches Seminar zu gründen. Man darf gespannt sein!
Andreas Knuf ist Diplompsychologe und
Psychologischer Psychotherapeut und hat im letzten Jahr das Buch Leben
auf der Grenze Erfahrungen mit Borderline" herausgegeben.
Er ist in der Selbsthilfeförderung tätig und arbeitet für
die Schweizer Stiftung Pro Mente Sana in Zürich. Gemeinsam mit
Christiane Tilly bietet er dialogische Borderline-Fortbildungen an (Infos
unter www.beratung-und-fortbildung.de).
Christiane Tilly ist Ergotherapeutin, Studentin und
Betroffene. Sie macht seit fünf Jahren Öffentlichkeitsarbeit
und ist Mitautorin verschiedener Bücher, u.a. von Leben auf
der Grenze Erfahrungen mit Borderline".
Fiona Behrend ist Krankenschwester, derzeit in der
beruflichen Umorientierung und Betroffene. Sie ist Mutter zweier Kinder
und lebt in einer süddeutschen Universitätsstadt.
Tina Parlow, Gründerin von www.borderline-selbsthilfe.de,
jetzt mit erweitertem Projekt auf www.borderline-plattform.de umgezogen;
hat die Berliner Selbsthilfegruppe "Die Grenzgängerinnen"
ins Leben gerufen. Engagiert sich seit 2 Jahren öffentlich zum
Thema Selbsthilfe bei Borderlinestörungen und aktuell beim Aufbau
eines Borderline-Seminars in Berlin.
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