Vortrag zum Thema: "Zum Wohle des Patienten?"


Erfahrungsaustausch und Situationserfassung zwischen Psychiatrieerfahrenen, Angehörigen und Psychiatern aus dem stationären und ambulanten Bereich - am 08.06.2002 anlässlich einer Informationsveranstaltung des Berufsverbandes Deutscher Nervenärzte LV Berlin e.V. und des Verbands Angehörige psychisch Kranker LV Berlin e.V.

 

Wie wichtig ist das Zuhören?!
Erfahrungen und Forderungen einer Betroffenen


Ich begrüße Sie ganz herzlich und freue mich, zu diesem wichtigen Thema eingeladen worden zu sein.
Meinen Vortrag möchte ich mit einem Zitat beginnen, das mich bereits vor vielen Jahren zum Nachdenken brachte:


"Die wichtigste Stunde ist immer die Gegenwart,
der bedeutendste Mensch ist immer der,
der Dir gerade gegenüber steht,
und das notwendige Werk ist immer die Liebe.
"
Meister Eckehart, christlicher Mystiker, ca. 1260-1329


Wie Ihnen bekannt ist, bin ich Psychiatrieerfahrene und habe seit längerem kein Problem damit, dies öffentlich auszusprechen. Das war also nicht immer so!


Vor 10 Jahren baute sich bei mir eine Spannung auf, die sich in einem großer "Knall", wie ich's nenne, in 3 Psychosen innerhalb eines Jahres entlud. Daraufhin erfolgte 1993 die Berentung wegen Erwerbsunfähigkeit. Heute denke ich, dass ich offensichtlich diese Erfahrung brauchte, um endlich Inventur durchzuführen. Dabei erfuhr ich viel von mir selbst.


Mein Leben glich bis 1992 einer Berg- und Talfahrt, nunmehr einer ausgeprägten Hügellandschaft. Und das soll so bleiben! In einem ständigen Gleichmaß sehe ich für mich kein wahres Leben, sondern empfinde es stumpf, ohne Antrieb zur Kreativität. Aus dem Sumpf von Minderwertigkeit zog ich mich, indem ich Briefe an meinen Sohn schrieb, die nicht versandt wurden. Ich fing an, meinen Geist zu bewegen und nach außen zu gehen. Es entstand das Büchlein "Das Schweigen brechen", das für mich einen enormen therapeutischen Wert besitzt, keinen literarischen.
Bewusst änderte ich nichts im Nachhinein, sondern stehe dazu mit allen Ecken und Kanten. Eben zu meinem damaligen Entwicklungsstand.


Meine Lebensphilosophie ist sehr einfach. Wann immer die Energie da ist, nutze ich sie sinnvoll und leidenschaftlich. Fehlt sie, lege ich "Ausruhphasen" ein und bitte dann, mich einfach in Ruhe zu lassen.
In Abstimmung mit meinem Arzt schlich ich mich behutsam aus der Medikamentierung und lebe nunmehr seit 1 1/2 Jahren völlig ohne. Das war möglich, da ich sensibilisiert auf meine Körpersprache im Vorfeld einer Krise zu reagieren lernte. Einfache Dinge, wie zum Beispiel die Einschränkung von Genussmitteln, die Reduzierung der Saunatemperatur und Sonnenbäder sowie Vermeidung stressiger Gespräche am Abend sind immer hilfreich.


Mein Körper sagt mir, wann ich wieder einmal meine Grenzen überschritten habe. Auf die Art konnte ich mich austesten und führe aus meiner Sicht ein ganz normales, erfülltes Leben.
Natürlich musste ich "Neinsagen" lernen. Gelingt es mir, Körper und Geist ausgewogen zu bewegen, geht's mir am besten. Wem nicht? Was hier so einfach klingt, war ein Lernprozess, der nie enden wird.

 


Was bestimmt heute wesentlich meinen Alltag?


Tägliche selbst zusammengestellte Wirbelsäulenübungen mit ein wenig Yoga und Tai Chi, Radfahren, wann immer möglich, seit 1995 berufliche Tätigkeit 2x in der Woche, Gartenarbeit und ein wenig Floristik, regelmäßige Betreuung der Mutter und Enkeltochter, zahlreiche Kontakte zu Psychiatrieerfahrenen, gemeinnützige Arbeit im Land Brandenburg, wie Patientenfürsprecher in der Landesklinik Teupitz und Mitarbeit in der Besuchskommission der Kinder- und Jugendpsychiatrie des Landes Brandenburg.
Außerdem wurde mir das Schreiben Ventil und Motor. Über eine Schule des Schreibens versuchte ich, ein wenig das Handwerk zu erlernen und meinen Stil zu verbessern. Langeweile kenne ich nicht! Im Gegenteil!

Natürlich gibt es auch bei mir Probleme. Meine Dünnhäutigkeit holt mich immer mal wieder ein. Ab und an schleppe ich Probleme viel zu lange mit mir herum und traue mich noch zu wenig, meine Gefühle zum Zeitpunkt des Geschehens auszusprechen, besonders dominanten Persönlichkeiten gegenüber. Ich blockiere, und wenn ein Fass voll ist, läuft es irgendwann über. Aus diesem Grund bat ich meinen Psychiater vor Jahren um Hilfe bei der Suche nach einer passenden Therapie bzw. einem Psychologen. Ich wollte Konfliktbewältigung trainieren. Er meinte, dass das nichts bringt. Ich frage mich, warum fing er den Ball nicht auf und fragte nach, worum es konkret ging? Ich war damals noch nicht soweit, direkt Probleme anzusprechen. War es nur das volle Wartezimmer? Oder beschränkte sich die Behandlung primär auf Medikamentenverschreibung? Wo blieb der Mensch? Ich denke, dass das Zuhören alleine viel bewirken kann, wenn dabei alle Sinne beteiligt sind. Wie schnell lassen wir uns alle von Vorstellungen, Vorurteilen und Bildern über unser Gegenüber beeinflussen. Die tatsächliche, augenblickliche Wahrnehmung ist gestört.

Landen Patienten so nicht schnell in einem Schubfach, aus dem sie schwer wieder herauskommen?

 


Lassen Sie mich ein zweites Beispiel anführen.

Wie ich anklingen ließ, fing ich an, meine Gedanken und Gefühle schriftlich zu äußern. Als kleines Dankeschön, nett verpackt, mit Zimtstangen dekoriert, übergab ich meinem Arzt stolz vor Weihnachten ein Exemplar meines Schaffens. Bei der nächsten Konsultation, ein viertel Jahr später, war ich gespannt auf ein paar Worte dazu. Als nichts passierte, fragte ich kleinlaut nach. "Schreiben finde ich gut, wenn man damit nicht seinen Lebensunterhalt verdienen muss", war die Antwort. Das stimmt natürlich. Doch ich hatte viel Unausgesprochenes offengelegt. Völlig beschämt, mit Null Selbstvertrauen, verließ ich die Praxis. Alte Versagensängste kamen hoch. Ich fragte mich: "Hatte er nicht gelesen? War's so schlecht geschrieben oder strotzte es von Fehlern?" Dazu sei bemerkt, dass ich jahrzehntelang unter einer Lese- Rechtschreibschwäche litt. In den folgenden Konsultationen ließ ich lange nichts mehr darüber verlauten, was mich wirklich bewegte. Ich überlegte ernsthaft, den Arzt zu wechseln, weil ich glaubte, dass die Chemie zwischen uns nicht stimmte. Dazu fehlte jedoch das Selbstvertrauen. Angst vor dem Verlust meiner Rente und Misstrauen hielten mich zurück. Wir führten Gespräche über Gott und die Welt. Erst seitdem ich selbst gut zurecht komme, als eigentlich keine Hilfe mehr von außen nötig war, begann ich, mit meinem Psychiater über meine Psyche zu reden. Doch frage ich mich, wie werden Patienten damit fertig, die auf kein langes "normales Leben" mit Schul- und Berufsabschlüssen sowie eine lange Berufserfahrung zurückblicken können, seit frühester Jugend immer wieder stationär behandelt wurden und nichts wirklich zum Abschluss bringen konnten?


Ich hatte die Kraft, mich nach ausgedehnten Tiefs immer wieder selbst zu fangen und neu zu beginnen bzw. weiter zu gehen. Ging das vielleicht, weil ich nichts von einer Diagnose wusste? Eines dieser Tiefs endete mit einem gut vorbereiteten, trotzdem wohl halbherzigen Suizidversuch. Nachdem ich damals die gesamte Tragweite meiner Handlung begriffen hatte, schwor ich mir: "Nie wieder derartige Medikamente." Doch nach 15 Jahren musste ich diesen Schwur brechen. Eine panische Angst vor Psychopharmaka begann. Niemand war da, der über die Wirksamkeit und Notwendigkeit aufklärte, geschweige denn über die massiven Nebenwirkungen. Auch wenn ein Patient nicht fragt, finde ich es unfair, ihn nach langem Krankenhausaufenthalt mit dem Beipackzettel, der der reinste Horror ist, alleine zu lassen. Ich kenne Psychiatrieerfahrene, die aus diesem Grunde immer wieder die Tabletten von heute auf morgen absetzten und das schlecht überstanden haben.

 

Fehlt nur Zeit und Geld fürs Gespräch?

Kann ein seelisches Problem wie eine Erkältung betreut werden?

Stimmen hier die Normen?


Mehrmals äußerte ich in Gesprächen, dass ich zu DDR-Zeiten ein Gefühl dafür entwickelte, wann ich mich selbst aus dem Verkehr ziehen muss, weil ich sonst vielleicht zuviel Porzellan zerschlagen würde. Das war in der Regel einmal im Jahr nach langen Stressphasen der Fall, z. B. nach Jahresabschlüssen, Finanzrevisionen und Bilanzverteidigungen. Meine damalige Hausärztin schrieb mich drei bis vier Wochen krank, und ich erledigte zu Hause in aller Ruhe Liegengebliebenes. Warum lässt unsere Gesellschaft das immer weniger zu? Leider gilt heute ein angepasstes, ständiges Funktionieren als gesund und erstrebenswert!


Ich vergleiche meine Psychosen hin und wieder mit Unfällen. Krücken halfen mir auf die Beine. Doch laufen lernt man, wenn man die Krücken allmählich wieder weglegt. Dabei ist mir klar, dass jeder Mensch anders ist. So auch seine Bedürfnisse und Stützen. Diese sollten zum Wohle des Patienten immer wieder aufs Neue dem augenblicklichen Zustand angepasst werden, so dass sie nicht behindern, statt helfen. Sie sollten seine Entwicklung und Selbsthilfegedanken fördern. Ich finde, dass endlich Alternativbehandlungen ihren Platz haben müssen. All das setzt natürlich ein aufmerksames Zuhören und Schauen voraus, die Fähigkeit, zwischen den Zeilen zu lesen.


Bei meiner erwähnten Inventur fand ich heraus, dass ich mich als Kind bemühte zu sein, was ich sollte, später das zu sein, was ich wollte und nach meinem großen Knall bemühe ich mich, das zu sein, was ich bin, was meiner Natur entspricht. Nur steht da die Frage: Wer bin ich überhaupt? Was ist meine Natur? Auf jeden Fall kann ich nur mein Tempo laufen. Und das war und ist oft nicht das Schnellste.

Etwas frei vorzulesen, geht zum Beispiel erst seit meinem 52. Lebensjahr. Akzeptiere ich mich so wie ich bin, komme ich nicht in Konflikt und habe meinen inneren Frieden. Vor allen Dingen setze ich mich nicht mehr dem Stress aus, perfekt sein zu wollen und mich bis zur Selbstaufgabe in etwas hineinzusteigern. Selbstvergewaltigungen machen jeden Menschen krank.


Drei Jahre hatte ich mit der Diagnose und der folgenden vorzeitigen Berentung zu tun. Plötzlich war ich behindert, verrückt und zum Schweigen angehalten. Einziges Vergnügen war das Essen, und so schleppte ich mich unzufrieden von einer Mahlzeit zur nächsten. Erst eine Krebserkrankung meines Mannes ließ mich wieder Verantwortung übernehmen. Das kam einer Schocktherapie gleich.
Aber wie viele Menschen kommen nicht wieder in die Gänge? Sie schaffen es nicht alleine. Diesen Menschen gilt heute, wo es mir gut geht, meine besondere Aufmerksamkeit. Heute bin ich glücklich, die notwendige Zeit zu besitzen. Doch noch vor drei Jahren versuchte ich krampfhaft, ins volle Berufsleben zurückzufinden. Man wollte oder brauchte mich nicht mehr. Zu alt und abgestempelt?  Wie gesagt, heute freue ich mich über die dadurch gewonnene Freiheit.


An dieser Stelle möchte ich bemerken, dass der hier beschriebene Weg natürlich nur meiner ist.
Mit den folgenden Worten, erschienen im neuesten BRÜCKENSCHLAG, einer Zeitschrift für Sozialpsychiatrie, Literatur und Kunst, möchte ich meinen Vortrag abschließen:


"Neulich äußerte eine ältere Frau in einer Diskussion, dass sie, wenn es ihr schlecht gehe, nicht gut mit einem Anderen sprechen könne - und zwar "aus Angst, der Andere könnte mir helfen wollen". Auf die Frage, was sie sich denn stattdessen wünsche, sagte sie: "Ich wünsche mir einen Anderen, von dem ich sicher sein kann, dass er mir so lange zuhört, bis ich selbst wieder weiß, woran ich bin und was ich zu tun habe."


Vielen Dank für Ihre Aufmerksamkeit.


>Giselle<