1. Kann man sein eigener Psychiater sein

2. Bericht

 

 

1.Kann man sein eigener Psychiater sein?

Ja ich kann! Also mein Psychologe sagt, dass ich in bezug auf diese Krankheit eine so grosse Erfahrung habe, viel grösser als er sie eigentlich jemals haben wird. Ich habe auf seine Ermutigung hin die Neuroleptika schon seit langem abgesetzt. Darauf vertrauend, dass ich selbst merke, wann die Lage kritisch wird. Es gibt ja genügend Frühwarnzeichen, die mich darauf aufmerksam machen, dass es bald wieder soweit sein könnte.

Zudem ist es so, dass wenn man Neuroleptika einnimmt, der ganze Mensch, die ganzen Gefühle einfach abgestellt werden. Wie soll ich dann erkennen, was gut ist für mich ist und was nicht? Also ich habe schon sehr, sehr lange Zeit gegen meine innersten Gefühle gelebt. Ich hatte in meinem Leben schon mehrere Depressionen, und immer wurden diese von den Ärzten der Überarbeitung und dem andauernden Stress im Geschäftsleben zugeschoben, die für meine Schilddrüsenerkrankung angeblich Gift waren.

Erst die Psychose hat den eigentlichen Grund schonunglos aufgedeckt und hilft mir nun dabei, mein Leben zu ändern. Heute bin ich sogar soweit, dass ich einen ganz klaren Zusammenhang zwischen meinen früheren vielen körperlichen Erkrankungen ziehen kann. Die psychische Erkrankung, die Psychose, kam an allerletzter Stelle. Alle anderen Erkrankungen, die vorherigen Alarmzeichen, wurden nicht als solche erkannt, sondern immer nur die Symptome, die einzelnen Krankheiten behandelt.

Sicher ist es sehr selten, dass man diesen Zusammenhang so klar erkennen kann. Auch in bezug auf meine Behandlung mit Neuroleptika hatte ich das Glück, dass ich trotz schwerster Psychose, mit der minimalsten Dosis medikamentiert wurde, da mein Psychologe diese Zusammenhänge meines "Absturzes" sozusagen, als einzigen Ausweg aus meiner persönlichen Situation, aus denen ich mit allen anderen Mitteln nicht herauskommen konnte, dokumentiert hatte und die behandelnde Psychiatrie-Ärztin darauf Rücksicht nahm.

Aus irgendeinem Grunde hatte ich vor meiner Erkrankung keine Grenzen zu meinem eigenen Ich gehabt. Jeder der wollte konnte in meinen persönlichen Bereich eindringen. Immer sagte ich zu allem ja, auch wenn ich eigenlich lieber nein gesagt hätte.

Heute nun, nach der Psychose, reagiert mein Körper mit starker Übelkeit wenn ich gegen meine innersten Gefühle handle. Er hat sozusagen eine „Allergie" gegen Übergriffe von Aussen und gegen Einengungsversuche meines Mannes und natürlich auch anderer Personen aufgebaut.

Ich lerne somit, mit und nicht gegen meine Gefühle zu leben. Ein schwieriger Weg, wenn man früher einfach nur durch den Verstand gesteuert wurde und seinen Gefühlen keinen Raum liess.

Ich komme wieder in Psychose-Nähe wenn ich aus Vernunftgründen den einfacheren Weg gehen möchte, einfach so tue, als ob da nichts war. Ich werde gezwungen, etwas dagegen zu unternehmen.

Ich musste in den letzten drei Jahren viel an mir arbeiten. Ich habe erkannt, dass nicht nur die "Käfighaltung" in meiner Ehe die Anteil hatte an meiner Erkrankung, sondern dass auch mein Wesen, meine Gutmütigkeit, mein Helfersyndrom, meine Minderwertigkeitskomplexe, die in der Kindheit "erarbeitet" wurden, Schuld hatten an meinen Symptomen. Ich musste und muss immer noch lernen mich durchzusetzen, lernen dass ich auch Rechte habe, dass ich mich für meine wahren Gefühle nicht schämen muss. Dies ist ein langer Prozess und er dauert leider noch viel, viel länger.

Die Alternative Tabletten zu schlucken und weiterzumachen wie bis anhin liegt mir nicht. Für den Moment des Notfalles sind die Medikamente gerechtfertigt,sogar eine Hilfe, sozusagen wie eine Krücke für den Menschen der ein Bein gebrochen hat. Aber sobald es geht, sollten meiner Meinung nach diese Hilfsmittel langsam, ganz langsam, abgebaut werden.

Ich vertraue auf die eigene Stärke, nicht hörend auf die Psychiatrie, die mit Statistiken weismachen möchte, dass man sowieso praktisch keine Chance hat ohne Rückfall zu bleiben.

Gabi

Juli 2002

2. Bericht

Zwischen meinem ersten Bericht „ Kann man sein eigener Psychiater sein“ und meinem neuen Text sind fast 1 1/4 Jahre vergangen. In dieser Zeit habe ich mich intensiv mit den Gründen für meine Erkrankung auseinandergesetzt und dabei erstaunliche Dinge zu Tage getragen. Ich möchte sie an dieser Stelle veröffentlichen, mit dem Gedanken, dass sie bei dem einen oder anderen psychisch kranken Menschen einen „ AHA“ Effekt auslösen und so auf die richtige Spur führen können.


Ich möchte aber betonen, dass ich bei diesem Report nur von mir und meiner Erkrankung/Entwicklung spreche. Es ist klar ,dass jede Psychose, jede psychische Krankheit wieder anders ist, da Menschen grundsätzlich verschieden sind. Gewisse Dinge aber, gerade was den Bereich der Psyche betreffen, sind einfach Fakt und können nicht wegdiskutiert werden.


Um den Geschehnissen auf den Grund zu kommen, las ich viele Fachbücher über diese Materie und liess auch die tiefenpsychologischen Aspekte nicht ausser acht, die sich mit den prä-, peri- und postnatalen Schädigungen des Säuglings auseinandersetzen. Aus all der Lektüre zupfte ich hier und da etwas heraus , was ich für meinen Fall zutreffend fand. Viel geholfen haben mir die Bücher von Alice Miller, wobei ich davon eigentlich nur die Bereiche der „Grandiosität“ und der „emotionale Blindheit“ hervorheben möchte die in meinen Fall mitgespielt haben.


Zum Zeitpunkt meines ersten Berichtes waren mir aber die nachfolgenden Dinge noch nicht klar, Ich versuchte lediglich mein Selbstbewusstsein zu stärken und mich mehr für mich zu wehren, mich durchzusetzen was vor allem den privaten Bereich betraf. Im geschäftlichen Bereich hatte ich diese Durchsetzungsprobleme eigentlich nicht oder weniger.


Den entscheidenden Durchbruch, was wirklich in der Vergangenheit geschehen war, fand ich eines Tages in einem Buch über die Typologien der Menschen von C.G. Jung. In einem Abschnitt des Werkes beschreibt er sehr eindrücklich was passieren kann, wenn bei einer Person der Verstand/das Gefühl/Empfinden/und die Intuition nicht gleichwertig ausgebildet sind ,wie dies bei einem psychisch gesunden Menschen der Fall sein sollte. C.G. Jung beschreibt darin, dass sich bei einem Individuum, bei dem der Verstand die Leitfunktion hat und die anderen Funktionen minderwertig oder sogar ausgeschaltet sind, sich die unbewussten Inhalte seiner Seele eines Tages derart aufstauen werden, dass sie sich gegen den bis dahin führenden Verstand aufbäumen werden.


Das erschien mir logisch und ich bin diesem Grundgedanken – in bezug auf meine Psychose - nachgegangen und habe festgestellt, dass mein Gefühlsbereich, meine Gefühlsebenen früher eigentlich gar nicht existiert hatten, dass ich zum Ueberleben – aus welchen Gründen auch immer – diesen Bereich schon in der frühesten Kindheit abgestellt haben musste.


Ich kann und will hier auf dieser öffentlichen Seite nicht auf persönliche Einzelheiten eingehen, aber Tatsache ist, dass die Psychose eigentlich nichts anderes ist, als ein Kampf des Unbewussten gegen das Bewusste handeln, das auf dem besten Weg war mich zu zerstören.


Hatte ich bereits zu einem früheren Zeitpunkt bemerkt –wie im ersten Artikel beschrieben - dass meine in der Kindheit erarbeiteten Minderwertigkeitskomplexe etc. dazu geführt haben, dass ich immer Dinge machte, die ich gar nicht wollte und ich eigentlich daran arbeiten musste, mich in allen Bereichen des Lebens mehr durchzusetzen so merkte ich jetzt - nachdem ich diese Feststellung gemacht hatte, dass ich nicht nur nicht gefühlt hatte, sondern dass, wenn ein Gefühl auftauchte, ich mich auch noch für dieses Gefühl selber bestrafte. Also nach dem Prinzip „es darf nicht sein, was dem Verstand nicht in dem Kram passt“. So beschimpfte ich mich selber (anstelle meiner Eltern) nach dem Prinzip meiner Erziehung, (siehe Schwarze Pädagogik = Alice Miller) „Du bist ein schlechter Mensch“. Zudem täuschte ich im privaten bereich Gefühle vor, wo keine waren, einfach um anderen Menschen nicht weh zu tun, oder auch weil mit dem Glauben zu Lieben alles viel erträglicher war.


Da ich also im Gefühls – und Abgrenzungsbereich keine Erfahrung hatte, musste ich diese Dinge richtig üben“. Ich musste/muss in diesem Bereich eine Art Nachreifungsprozess durchlaufen. Es kam dabei vor, dass ich bei gewissen Dingen eine gute Kollegin um Rat angehen musste, soll ich mich jetzt da wehren oder ist das in Ordnung so. Ich hatte keine Ahnung, wo die Grenzen bei einem Menschen liegen, der das Glück hatte, eine normale Kindheit mit einer gesunden Entwicklung, in all diesen Bereichen zu durchlaufen.


Wären einem diese Dinge bewusst, würde natürlich niemand ein solches Leben führen. Das schlimme an diesen Prozessen ist die schleichende Entwicklung. Der Mensch hat gar keine Chance, diese Abläufe wahrzunehmen. Erst wenn die Katastrophe passiert ist, oder evtl. kurz vorher wie bei mir, bemerkt er –im besten Fall- was los ist.


Es ist erschreckend, dass es Jahrzehnte dauert bis sich das Unbewusste durchsetzen kann.
Jetzt aber, nachdem es sich Gehör verschafft hat und damit erreicht hat was es wollte, was jahrzehntelang auf normalem Weg nicht gelang, jetzt ist es unheimlich erstarkt.
Wenn ich etwas mache, aber noch nicht spüre, dass ich das eigentlich gar nicht möchte, wenn ich mich nicht zur Wehr setze, weil ich mich vielleicht noch nicht stark genug fühle um zu Kämpfen, dann meldet sich die Psyche mit unheimlicher Kraft.


Ein Totalabsturz bahnt sich an und ich muss zusehen dass ich herausfinde, welchen Bereich ich doch wieder einfach mit meinem Verstand „zugebuttert“ habe, nach altem Verhaltensmuster. Es ist nicht einfach in diesem Alter (50) noch fühlen zu lernen. Gefühle zuzulassen. Wenn man daran geht, seine Gefühle anzunehmen, wird sich zuerst einmal eine grosse Unsicherheit einstellen. Denn eigentlich hat man seinen Körper jahrelang belogen, man hat gedacht man fühlt so, dabei waren das gar nicht die Gefühle sondern der Verstand der diktierte „Du musst so fühlen“ du musst so handeln, es muss so sein. Je mehr man die neuen, echten Gefühle zulässt, desto stärker wird die Psyche werden.


Es ist, ein langer Weg , weg von der Psychose zu einem NORMALEN Leben.

Gabi