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Aus
Anlass des 2007 ins Haus stehenden WPA-Kongress in Dresden zum Thema Zwang
in der Psychiatrie, hat Dorothea Buck eine Bilanz ihrer Erfahrungen gezogen.
Sie wird aller Voraussicht nach noch einmal selbst mit einem eigenen Beitrag
in Dresden vertreten sein.
Titel
ihres Aufsatzes
70
Jahre Zwang in gesprächslosen Psychiatrien – erlebt und miterlebt
Vom
6.- 8. Juni 2007 wird in Dresden die World Psychiatric Association (WPA,
Psychiatrischer Weltverband) mit dem Thema „Zwang“ tagen. Hier
haben durch Zwangsmedikation und Fesselungen (Fixierungen) traumatisierte
und durch langfristig überhöhte Neuroleptika-Gaben seelisch und
körperlich geschädigte Psychiatrieerfahrene und ihre Angehörigen
die Chance, in den Diskussionen gehört zu werden. Vor einem Jahr behandelte
das Forum Rehabilitation in Hamburg das Thema „Zwang und Gewalt
in der Psychiatrie - und was dagegen getan werden kann“. Als hilfreiche
und nicht teurere Alternative zur immer noch gesprächsarmen, medikamentös
bekämpfenden deutschen Psychiatrie stellte der finnische Professor Yrjö
O. Alanen das seit über 30 Jahren in Teilen Skandinaviens bewährte
„Need-adapted-Treatment“ (Bedürfnisangepasste Behandlung)
mit absolutem Vorrang von Psychotherapie in der Schizophrenietherapie vor.
Zuvor möchte ich über von mir und heutigen Psychiatriebetroffenen
in 70 Jahren erlebten Zwang und fehlende psychiatrische Hilfe berichten.
Ich war gerade 19 geworden, als ich gleich nach Ostern 1936 in die damals
hochangesehene v.Bodelschwinghsche Anstalt in Bethel bei Bielefeld eingeliefert
wurde. Theologischer Anstaltsleiter war der namhafte Pastor Fritz v. Bodelschwingh,
Sohn des Bethel-Gründers. Schon als Kinder hatten uns die im „Boten
von Bethel“ geschilderten Geschicke epileptischer Kinder bewegt. Nun
aber erlebte ich ein ganz anderes, weit unfreundlicheres Bethel. Das zutiefst
Verwirrende war für mich auf der geschlossenen Station eines Betheler
„Hauses für Nerven- und Gemütsleiden“, dass niemand
mit uns sprach. Eine so völlige Gesprächslosigkeit hatte ich noch
nie erlebt. Der Chefarzt - einer der letzten Schüler von Emil Kraepelin
- und seine Assistenzärzte gaben uns jeden Morgen bei ihrer Visite die
Hand und sagten „Guten Morgen“. Mehr nicht. Kein Aufnahmegespräch,
keine Erklärung, warum wir hier eingesperrt waren. Auch die langfristigen
MitpatientInnen dieses von der Außenwelt völlig abgeschotteten
und für jeden Besuch unzugänglichen Krankensaales wurden vermutlich
bis zu ihrem Tode niemals von den Ärzten und den beiden Hauspfarrern
eines Gespräches gewürdigt. Diese beiden Pfarrer zitierten nur
Bibelworte an unseren Betten, in denen wir lange untätig nur verwahrt
wurden, ohne ein persönliches Wort mit uns zu sprechen. Auch der sprachliche
Kontakt der Schwestern beschränkte sich auf ihre Anweisungen an uns.
Und miteinander sollten wir auch nicht sprechen. Wir verständigten uns
auf der gemeinsamen Symbolebene.
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Schon 2 Jahre vor dem NS-Regime ab 1933 hatten Pastor Fritz v. Bodelschwingh
und 8 weitere theologische Leiter und 7 leitende Ärzte der Ev. Anstalten
der Inneren Mission (heute Diakonie) sich auf ihrer „Fachkonferenz
für Eugenik“ im Mai 1931 in Treysa bei Kassel für ein Sterilisationsgesetz
ausgesprochen und die Begrenzung wohlfahrtspflegerischer Leistungen auf „menschenwürdige
Versorgung und Bewahrung“ für alle, „die voraussichtlich
ihre volle Leistungsfähigkeit“ nicht wieder erlangen würden,
beschlossen. Mit der „Vereinfachung und Verbilligung der fürsorgerischen
Maßnahmen für Minderwertige und Asoziale“ begründeten
sie ihren Beschluss der bloßen „Bewahrung“ und das geforderte
Sterilisationsgesetz mit der „Nächstenliebe“. (Protokoll
der Fachkonferenz)
Aus dieser zweifelhaften „Nächstenliebe“ wurde auch ich
in Bethel nach 5 Monaten mit der Zwangssterilisation als „notwendigem
kleinen Eingriff“ regelrecht überrumpelt ohne ein einziges Gespräch
weder vorher noch nachher. Was gemacht worden war, erklärte mir eine
Mitpatientin. Bis heute - 2006 - ist dieses in die Geschicke von 350- 400
000 zwangssterilisierter Menschen so zerstörend eingreifende Gesetz
nicht aufgehoben, sondern nur „außer Kraft gesetzt“ worden.
Wir durften keine nicht-sterilisierten Partner heiraten, keine weiterführenden
und höheren Schulen besuchen, in keinen sozialen Berufen tätig
sein u.a., ganz zu schweigen von der lebenslangen Abstempelung als „Minderwertige“.
Als der Wiedergutmachungsausschuss des Deutschen Bundestages 1965 eine Wiedergutmachung
auch für uns Zwangssterilisierte erwog und den späteren Nachfolger
und Neffen von Pastor Fritz v. Bodelschwingh, Pastor Friedrich v. Bodelschwingh,
als Experten hinzuzog, lehnte der eine Wiedergutmachung ab.
Erst 20 Jahre später, als die meisten zwangssterilisierten Menschen,
denen Ausbildungsmöglichkeiten und Heiraten versagt geblieben waren,
verarmt und vereinsamt als „Minderwertige“ gestorben waren, überzeugte
Prof. Dr. Dr. Klaus Dörner ab Januar 1984 mit seinen Briefen den Bundespräsidenten,
den Bundeskanzler, an die Fraktionsvorsitzenden aller Parteien, die ev. und
kath. Kirchenleitungen, die Wohlfahrtsverbände und viele andere von
der Notwendigkeit einer Rehabilitierung von uns Zwangssterilisierten, der
die psychiatrischen Tötungsanstalten überlebenden Menschen und
der als „lebensunwert“ von Ärzten ermordeten „mindestens
275 000 `Euthanasie´ - Opfer“. Nur so könne eine Psychiatrie-Reform
in der BRD möglich werden.
Prof. Dörner erreichte unsere Anhörung vor dem Innenausschuss des
Deutschen Bundestages am 24. Juni 1987 und ab 1990 eine monatliche Beihilfe
von 100 DM, die seit 2006 auf 120 Euro anstiegen. Da ich nach meiner ersten
Anstalt Bethel 1936 in 4 weiteren Psychiatrien bis 1959 eine fast ebenso
gesprächslose Psychiatrie erlebte, die erst zu den Ausrottungsmaßnahmen
gegen uns hatte führen können - denn Menschen, mit denen man nicht
spricht, lernt man auch nicht als Menschen kennen - forderte ich in einem
bei der Anhörung verteilten Papier eine auf unseren Erfahrungen gründende
Psychiatrie, die nur so eine Erfahrungswissenschaft sein kann. Denn was können
Psychiater, die keine oder nur oberflächliche Gespräche mit Psychose-Patienten
führen, über Psychosen wissen? Die bei der Anhörung anwesende
Behinderten-Beauftragte des Bundesgesundheitsministeriums, Frau Vogel, schlug
mir auf meine Kritik hin vor, meine Vorstellungen von einer verständigeren
und menschlicheren Psychiatrie für das BGM aufzuschreiben. Zum ersten
Mal wollte jemand von der Profi-Seite wissen, wie wir die Psychose erlebten
und verstehen, welchen Sinn sie für uns haben kann und welche Hilfen
notwendig wären. Fast ein Jahr lang arbeitete ich an meinem Antrag auf
einen trialogisch besetzten „Arbeitskreis für mehr Mitbestimmung
Betroffener in der Psychiatrie“, den ich am 8. Juni 1988 auf 22 Seiten
auf unserem AK 71-Briefpapier an die Bundesgesundheitsministerin, Frau Rita
Süssmuth, schickte. Herr Prof. Dörner befürwortete ihn bei
ihr.
Aus der Ablehnung meines Antrages und dem Rat, „einen Arbeitskreis
der vorgeschlagenen Art vor Ort einzurichten“, ging ein Jahr später
unser Hamburger Psychose-Seminar, der Trialog, hervor. Aber die von mir erhoffte
Teilnahme von Psychiatern, an die ich bei meinem Vorschlag für die Einrichtung
des Arbeitskreises vor allem gedacht hatte, damit sie mit uns ins Gespräch
kommen, blieb in den inzwischen über 140 Psychoseseminaren in Deutschland,
der Schweiz und in Österreich bis heute die Ausnahme.
Seit 1934 Zwangssterilisationen, seit 1937 Schocks, 1939-45 Mord, seit
1953 Zwangsmedikation, seit 1960 (?) Hand-, Fuß-, Bauchfesseln
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Wann endlich Hilfe durch Gespräche?
Heute frage ich mich mit 89 Jahren, ob ich die von mir erlebten 5 Psychiatrien
von 1936 bis 1959 lieber mit der heutigen Psychiatrie mit ihren oft überdosierten
Zwangsmedikationen, ihren Fesselungen an Händen und Füßen,
Bauch ans Bett (Fixierungen), die es zu meinen 5 Psychiatriezeiten noch nicht
gab, mit Neuroleptikafolgen als Zuckungen besonders im Gesicht, Konzentrationsschwächen,
Gedämpftheiten, organischen Schäden wie Diabetes bei atypischen
Neuroleptika, bis zu 30 kg Gewichtszunahmen und anderen Folgen getauscht
hätte. Wie aber hätte ich mir bei der heutigen Zwangsmedikation
meine Psychoseinhalte bewahren können, die mir zur Verarbeitung meiner
Psychosen und ihrer Einbeziehung in mein normales Leben dringend notwendig
waren? Neuroleptika sollen Psychoseinhalte ja gerade vergessen machen und
lassen zugleich auch normale Inhalte/Erinnerungen vergessen.
Schon im Betheler Lehrbuch der Geistes- und Nervenkrankenpflege von Jaspersen
heißt es in der 7. völlig neu überarbeiteten Auflage 1975:
„Nach Untersuchungen von Grahmann, Boeters und Moeltgen und auch nach
unseren eigenen Beobachtungen ist es wahrscheinlich, dass langjährige
hochdosierte Gaben von Neuroleptika auch zu Demenzen führen können.
Auch diese Untersuchungsergebnisse zwingen uns zu einer strengeren Indikationsstellung
bei der Verordnung.“ (S.80)
Gerade schickte mir mein guter Freund Hans Jürgen Claußen für
unsere 4 BPE-Seiten in der PSU folgenden Beitrag: „Neuroleptika
löschen Langzeitgedächtnis -
Ich bin Hans Jürgen Claußen. Ich war eine Zeitlang Vorstandsmitglied
des BPE. Seit 1988 nehme ich Neuroleptika. Ich habe seit 1994 eine Liebesbeziehung
zu einer Partnerin. Obwohl ich seit 11 Jahren mit ihr zusammen bin, kann
ich nur maximal die letzte Woche mit ihr rekonstruieren. Sie sagt, ich mache
sie irre, weil ich immer vergessen habe, was wir am letzten Wochenende gemacht
und besprochen haben. Sie sagt, es macht sie wahnsinnig, dass sie jedes Wochenende
mit mir bei NULL anfangen muss. Vor zwei Jahren starb meine über alles
geliebte Mutter und beste Freundin. Wisst ihr, dass ich mich an keine einzige
Situation mit ihr erinnern kann. Wisst ihr, dass ich mein ganzes Leben vergessen
habe durch die Medikamente. Ich suche Psychiatriepatienten, die das Gleiche
erleben und was unternehmen wollen. Nehmt Kontakt zu mir auf. Ich bin von
Ärzten mit Medikamenten dement gemacht worden. Das, was wirklich hilft
bei Psychosen, ist das Wissen, dass es Träume sind. Medikamente sind
nur die chemische Zwangsjacke und die Löschtaste für dein Gehirn.“
Hans-Jürgen Claußen, Bergstr.3, 25712 Kuden, Tel. 04855/355
Hans-Jürgen Claußen wird ebenso wie ich die „Traumebene“
seiner Psychosen meinen. Schon zu Anfang des 20. Jahrhunderts hatten Tiefenpsychologen
wie Sigmund Freud und C.G. Jung erkannt, dass in der Schizophrenie Inhalte
des normalerweise Unbewussten ins Bewusstsein einbrechen. In „Symbole
der Wandlung - Analyse des Vorspiels zu einer Schizophrenie“ schrieb
C.G. Jung 1912:
„Eine konsequente Regression bedeutet eine Rückverbindung
mit der Welt der natürlichen Instinkte, welche auch in formaler, d.h.
ideeller Hinsicht Urstoff darstellt. Kann dieser vom Bewusstsein aufgefangen
werden, so wird er eine Neubelebung und Neuordnung bewirken. Erweist sich
das Bewusstsein dagegen als unfähig, die einbrechenden Inhalte des Unbewussten
zu assimilieren, so entsteht eine bedrohliche Lage, indem dann die neuen
Inhalte ihre ursprüngliche, chaotische und archaische Gestalt beibehalten
und damit die Einheit des Bewusstseins sprengen. Die daraus resultierende
geistige Störung heißt darum bezeichnenderweise Schizophrenie,
d.h. Spaltungsirresein.“ (S. 703/4)
Wie aber sollen die Betroffenen ohne jegliche Hilfe die sie überwältigenden
Psychoseinhalte als „aus ihrem eigenen Unbewussten ins Bewusstsein
eingebrochen“ erkennen können? Bis zu meinem 4. Schub 1946 bewertete
ich sie als von außen „eingegeben“, andere sprechen davon
„ferngesteuert“ zu sein, etc. An einer Mitpatientin, die in der
Nacht aus ihrem Traum heraus mit einer Psychose aufwachte und dabei eine
fremde, französisch klingende Sprache sprach, obwohl sie nie französisch
gelernt hatte, aber aus einer Hugenottenfamilie stammte, kam mir erstmals
der Gedanke, dass es ein Unbewusstes geben müsse, in dem Rhythmus und
Klang der Sprache ihrer Vorfahren aufbewahrt waren. Als mir 13 Jahre später
nach meiner 5. und letzten Psychose 1959 auffiel, dass seit dem Aufbruch
meiner psychotischen Vorstellungen meine Nachtträume ausgesetzt hatten,
die ich morgens vielleicht nur vergessen hatte, schloss ich daraus auf die
gemeinsame Quelle von Traum und Psychose im eigenen Unbewussten. Anstelle
meiner Nachtträume waren meine psychotischen Vorstellungen aufgebrochen.
Ich verschob sie nachträglich auf die „Traumebene“ und konnte
mir so ihren Sinn erhalten, nur ihre objektive Wirklichkeit nicht. Auf diese
Weise brauchte ich sie nicht mehr als „krank“ von mir selbst
abzuspalten. Denn alles nur Verdrängte, von sich selbst Abgespaltene
bricht irgendwann erneut auf.
Ich machte mir die gemeinsamen Mittel klar, die unsere Psychosen und unsere
Nachtträume anwenden: Das zuvor Ausweglose einer Lebenskrise, die wir
nicht lösen konnten, kann in der Psychose symbolische, konkrete Gestalt
gewinnen. Vielleicht ist das auch der Sinn unserer Nachtträume: Emotionen,
Probleme und uns gar nicht bewusste Inhalte unserer Seele im Traum in konkrete
Vorstellungen, in real erlebte Situationen bildhaft zu verwandeln, die sie
uns zugänglicher machen können. - Die in Psychosen erlebten Identifikationen
mit vorzugsweise biblischen Gestalten oder anderen Personen erinnern an die
in unseren Nachtträumen handelnden Personen, die uns häufig selbst
meinen, obwohl sie unter einer anderen Identität auftreten. - Das in
Psychosen veränderte Weltgefühl sonst nicht gespürter Sinnbezüge
lässt an ein Zitat von S. Freud in „Abriss der Psychoanalyse“
über den Traum denken: „Da ist vor allem eine auffällige
Tendenz zur Verdichtung, eine Neigung, neue Einheiten zu bilden aus Elementen,
die wir im Wachdenken gewiss auseinander gehalten hätten.“ - Was
der gleichen Quelle, dem eigenen Unbewussten entstammt, wendet auch die gleichen
Mittel an. Ohne dieses in der Psychose veränderte Weltgefühl sonst
nicht gespürter Sinnbezüge würden die bekannten schizophrenen
Symptome wie „Beziehungs- und Bedeutungsideen“, die schon von
Eugen Bleuler erkannte „Verwendung von Symbolen anstelle des ursprünglichen
Begriffs“ (Zitat), das „nicht Unterscheiden von Wesentlichem
und Unwesentlichem“, weil alles einen symbolischen Sinn zu haben scheint,
als Wirklichkeit kaum überzeugen können.
„Psychotherapie als Kern der Schizophrenie-Therapie“ könnte
wie in Skandinavien in deutschen Psychiatrien beklagten „Zwang und
Gewalt“ verhindern.
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Nicht nur die 12 Jahre von 1933-45 mit unseren Zwangssterilisationen und
den Patientenmorden ab 1939, sondern auch die folgenden Jahrzehnte der weiterpraktizierenden
und lehrenden an den Ausrottungsmaßnahmen beteiligten Psychiater verhinderten
eine durch Gespräche hilfreiche deutsche Psychiatrie. Noch am 20. April
1979 – 34 Jahre nach dem NS-Regime - prangerte DIE ZEIT auf der Titelseite
unter „Die Gesellschaft der harten Herzen – Menschen in der
Schlangengrube“ und der Feststellung: „Keine Minderheit
wird so schändlich behandelt wie die psychisch Kranken“,
die rückständigen deutschen Psychiatrien an. Das beiliegende ZEIT-Magazin
dokumentierte menschenunwürdigste Lebensumstände im „Haus
Carlsruh“ in der ev. Anstalt Alsterdorf in Hamburg, obwohl auch Alsterdorf
629 Kinder, Frauen und Männer mit der Beteiligung des leitenden Pastors
Friedrich Lensch zur Tötung geschickt hatte. Noch heute vertreten die
dominierenden biologistischen Psychiater die Auffassung ihrer Vorgänger
seit Emil Kraepelin (1856-1926), die zu den Ausrottungsmaßnahmen geführt
hatten: „Psychosen stellen einen ganz und gar sinnlosen und zufälligen
Vorgang dar. Der Hirnstoffwechsel entgleist, ohne einen Bezug zum Erleben.
Die Symptome zu hinterfragen, ist sinnlos und schädlich.“
Wie soll mit diesem Konzept ein Psychoseverständnis und eine Hilfe möglich
sein? Da wären/sind auch die Politiker gefordert, nach so vielen Jahrzehnten
der verweigerten Hilfe wenigstens den heutigen Psychiatriepatienten beizustehen.
An sie sollten wir uns auch wenden und eine qualifiziertere psychiatrische
Ausbildung fordern.
Denn es gibt die Hilfe durch Gespräche ja auch in manchen deutschen
Psychiatrien: In Loren Moshers „Soteria“ und neuerdings auch
in Ansätzen der „Bedürfnisangepassten Behandlung“ des
finnischen Professors Yrjö Alanen in Turku. Sein Ziel vor über
30 Jahren war eine „besonders individuelle, familienorientierte und
psychotherapeutisch ausgerichtete Behandlung, die nicht teurer sein sollte
als andere Behandlungsweisen und besser und humaner hilft“ für
die „sehr heterogene Gruppe der schizophren Erkrankten...Neuroleptika
werden nur niedrig dosiert oder gar nicht eingesetzt...“ (Eppendorfer,
6/2005)
Die „Deutsche Gesellschaft für Psychiatrie, Psychotherapie und
Nervenheilkunde (DGPPN) räumt dagegen gerade mal 10 von 140 Seiten in
ihrem Entwurf für Schizophrenie-Behandlungsleitlinien dem Thema Psychotherapie
ein... ´Als einziges Verfahren werde wegen besserer Forschungslage
kognitive Verhaltenstherapie bevorzugt, aber auch dies ausdrücklich
nur bei Versagen medikamentöser Therapie´, so Martin Urban als
Sprecher der Fachgruppe Klinischer Psychologen im BDP.“ (Eppendorfer
6/2005).
Ein hervorragendes Beispiel natürlicher und ortsnaher Hilfe scheint
mir die seit dem 31.8.2005 eröffnete Berliner Krisen-Pension zu sein.
Hier steht ein Helferteam aus Psychiatrieerfahrenen, Angehörigen, BürgerhelferInnen
und 2 ÄrztInnen zum Gespräch und zum gemeinsamen Tun ständig
bereit. In der letzten PSU 2/2006 berichtete Reinhard Wojke über dieses
von 6 Berliner Vereinen gegründete Projekt. Die Betroffenen kommen rechtzeitig
aus eigener Initiative, weil sie als geachtete Gäste hier nichts zu
befürchten haben. Der umfassende Erfahrungsschatz ehemaliger PsychiatriepatientInnen
und der Angehörigen im Umgang mit der Psychose, Depression oder anderen
Abweichungen von der Norm, bestimmt das gemeinsame Leben. Der Landesverband
Berliner Angehörigen fordert bereits, dass jeder Berliner Bezirk eine
Krisenpension haben sollte. Die in den Psychiatrien fehlenden oder ganz unzureichenden
Gespräche zeugen ja auch von der geringen Achtung der Profis den PatientInnen
gegenüber. Sie dokumentieren: Das, was du erlebst, ist das Anhören
oder gar Bedenken und Beantworten nicht wert. Diese Art vorgelebter „geistiger
Gesundheit“ kann nur abstoßend wirken. Umso mehr freuen wir uns
über alle lehrenden und praktizierenden Psychiater, die sich von Psychiatrie-Erfahrenen
beraten lassen.
15. Mai, 2006
Dorothea Buck
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