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Dokumentation
des Vortrages zu einer Gedenkveranstaltung
von
Dorothea Buck in Krefeld
Zusammenstellung
der Dokumentation und Zwischentitel:
Kalle
Pehe, Selbsthilfegruppe "Mut zum Anderssein"
14. Juli 1933 ....... 14. Juli 1996
”63 Jahre nach dem Erbgesundheitsgesetz zögert die Bundesregierung
die beschlossene Aufhebung der Zwangssterilisations-Urteile weiter hinaus.
Wir antworten mit einer auf den Erfahrungen der Betroffenen, statt auf
psychiatrischen Theorien gründenden empirischen Psychiatrie in
unseren "Psychose-Seminaren".
Doch für uns gibt es kein Klagen,
ewig kann`s nicht Winter sein.
Einmal werden froh wir sagen,
Heimat, du bist wieder mein.
aus dem Lied "Die Moorsoldaten"
Am 14. Juli 1996 führten wir in Krefeld eine Veranstaltung mit
Dorothea-Sophie Buck-Zerchin durch. Anlass war der Erlass des Gesetzes
zur Verhütung erbkranken Nachwuchses am 14. Juli 1933. Es handelte
sich einerseits um eine Gedenkveranstaltung, andererseits dachten wir
gemeinsam mit Betroffenen, betroffenen Angehörigen und beruflichen
Kräften über eine andere menschenfreundlichere Psychiatrie
heute nach. Die Veranstaltung fand eine gute Resonanz in Krefeld. Über
70 Menschen nahmen daran teil.
Eine Veranstaltung wie die heutige zum Gedenken der rund 400.000 Mitbürger
und Mitbürgerinnen, die im Nazi-Regime von 1933 - 1945 die Zwangssterilisation
erlitten, und an die "mindestens 275.000 Menschen", die nach
der Schätzung des 1946 als "lebensunwert" von Ärzten
ermordet wurden, ist ganz ungewöhnlich. Im Unterschied zu den "Ausrottungsmaßnahmen"
gegen die jüdischen Mitbürger und Mitbürgerinnen waren
es Ärzte, Psychiater gewesen, die schon lange vor 1933 gefordert
hatten, was mit der Machtübernahme Hitlers verwirklicht wurde.
Aus
dem Vortrag von Dorothea Buck
Nutzlose Esser
Schon der noch heute hochangesehene deutsche Psychiater EMIL KRAEPELIN
(1856 - 1926) forderte (Zitat) "Ein rücksichtsloses Eingreifen
gegen die erbliche Minderwertigkeit, das Unschädlichmachen der
psychopathisch Entarteten mit Einschluß der Sterilisierung."
KRAEPELIN forcierte offen das Vorurteil vom biologisch minderwertigen
und gefährlichen Irren; es ging ihm letztlich nicht um den Schutz
des Kranken vor natürlichen und sozialen Schäden, sondern
um die Ordnungsinteressen einer Gesellschaft, welche die Aufwendungen
für die ökonomisch unproduktiven Kranken auf ein Minimum zu
reduzieren begann. Fast alle maßgeblichen Psychiater dieser Zeit
forderten Maßnahmen gegen ihre Patienten: "lebenslange
Haft, Zwangsarbeit, Unfruchtbarmachung, Ausmerzung." (Zitat
von Dr. med. Hans-Georg Güse und Dr. med. Norbert Schmacke)
Auch die theologischen Leiter und leitenden Ärzte der ev. Anstalten
der inneren Mission schlossen sich auf der Fachkonferenz für Eugenik
im Mai 1931 in Treysa den Forderungen nach Unfruchtbarmachung und Dauerunterbringung
durch die von ihnen geforderte "Verabschiedung des Bewahrungsgesetzes"
an. Mit diesem Gesetz sollte die "Möglichkeit der Asylierung
in Übereinstimmung mit den Forderungen der Eugenik verstärkt
in Anspruch genommen werden", heißt es im Protokoll.
Und weiter: "So besteht nicht nur ein Recht, sondern eine sittliche
Pflicht zur Sterilisierung aus Nächstenliebe und der Verantwortung,
die uns nicht nur für die gewordene, sondern auch die kommende
Generation auferlegt ist." Außerdem beschloss die Fachkonferenz
"zur Vereinfachung und Verbilligung der fürsorgerischen
Maßnahmen für Minderwertige und Asoziale" die "wohlfahrtspflegerischen
Leistungen auf menschenwürdige Versorgung und Bewahrung zu begrenzen"
für alle, "die voraussichtlich ihre volle Leistungsfähigkeit
nicht wiedererlangen" (Zitat). Die beschlossene bloße
Verwahrung beschönigten sie als "differenzierte Fürsorge",
die geforderte Sterilisierung als "Nächstenliebe", während
sie die PatientInnen als "Minderwertige und Asoziale" abwerteten.
Das aus dem Protokoll der Fachkonferenz der Inneren Mission im Mai 1931.
Undenkbar, dass körperlich erkrankte Menschen, die voraussichtlich
ihre volle Leistungsfähigkeit nicht wiedererlangten, nur noch verwahrt
worden wären. Eine andere Sicht des "Irren": Wilhelm
Ideler
Als ich 1936 als gerade neunzehnjährige Patientin in einem Betheler
"Haus für Nerven- und Gemütsleiden" war, wurde es
von einem Schüler KRAEPELINs geleitet. Seither beschäftigt
mich die Frage nach einem christlichen Menschenbild anstelle des psychiatrischen
Maßstabs der Norm in den psychiatrischen Einrichtungen der Diakonie
und der Caritas. Dieser aus der Körpermedizin übernommene
Maßstab der Norm lässt sich auf das seelische Erleben eines
Menschen nicht übertragen und ist mit dem Anspruch christlicher
psychiatrischer Einrichtungen unvereinbar. Das, was ich 1936 in Bethel
erlebte, grub sich mir unauslöschlich als beklemmendste Erfahrung
menschlicher Entwertung meines Lebens ein. Besonders beängstigend
und demütigend fand ich, dass Ärzte und Pfarrer uns psychotische
PatientInnen während der ganzen Zeit keines Gespräches für
wert oder fähig hielten. Seit KRAEPELIN gab es kaum noch Gespräche,
wie sie vor ihm WILHELM GRIESINGER (1817-1868) und WILHELM IDELER (1795-
1860) auch mit ihren psychotischen PatientInnen geführt hatten.
IDELER schrieb sogar: "Denn wir begegnen in der Irrenanstalt
fast niemals jenen flachen, seelenlosen, bedeutungsleeren Gestalten
der Alltagswelt. Vielmehr ist jeder Wahnsinnige der Repräsentant
irgendeines herrschenden Grundgedankens, der Held eines erschütternden
Dramas, dessen Katastrophen mit seinem Herzblute geschrieben sind. Daher
seine ganze Erscheinung, wenn sie nur in ihrer Vollständigkeit
und inneren Bedeutung aufgefasst wird, sich den Seelengemälden
eines Shakespeare, Goethe, Schiller ebenbürtig zur Seite stellt,
und sie durch hochpoetische Kraft fast noch übertrifft."
Soweit das Zitat von WILHELM IDELER. Diese so ungewohnte Anerkennung
der Verrückten durch einen Psychiater vor 150 Jahren kann uns noch
heute wohltun. Denn unsere Psychiater wollen die Sinnzusammenhänge
des Psychose-Erlebens mit der Lebensgeschichte in der Regel gar nicht
wissen, sondern bekämpfen alles von der NORM Abweichende und drängen
es medikamentös ins Unbewusste, aus dem es aufbrach, zurück.
KRAEPELIN ersetzte die Gespräche seiner Vorgänger durch die
Beobachtung von Symptomen. Auf ihn als Begründer der Krankheitsbilder
- Psychiatrie (auch nosologische Psychiatrie genannt), und auf seine
diagnostisch-nosologischen Grundbegriffe bezieht sich noch heute auch
die internationale Klassifizierung der WHO mit dem ICD-Schlüssel.
Für unsere Betheler Ärzte waren wir nur Objekte ihrer Beobachtung
unserer Symptome und der trostlosen Verwahrung ohne eine Beschäftigung
und Abwechslung. Tiefer kann ein Mensch nicht entwertet werden, als
ihn keines Gespräches für wert oder fähig zu halten.
Auch die heutigen PatienInnen leiden unter den fehlenden oder ganz ungenügenden
Gesprächen.
Abgestempelt
Mit den Zwangssterilisierungen wurden wir in Bethel ohne ein einziges
Gespräch regelrecht überrumpelt. Sogar das Sterilisationsgesetz,
das am 1. Januar 1934 in Kraft trat, erlaubte das nicht. Mit unserem
Kummer über unsere Abstempelung als "Minderwertige und Erbkranke",
über die lebenslangen Folgen der Eheverbote und über die rigorosen
Ausbildungs- und Berufsbeschränkungen ließen uns Psychiater
und Seelsorger ohne ein Gespräch völlig allein. Seelsorge
verstanden unsere Betheler Hauspfarrer als "Wortverkündigung",
als das Zitieren von Bibelworten, ohne ein persönliches Wort an
uns zu richten. Über eintausend - vor allem Frauen – sind
an der Sterilisations-Operation gestorben. Viele haben ihr Leben selbst
beendet. Für mich wurde der Selbstmordgedanke, der mir vorher nie
gekommen war, zur entscheidenden Lebenshilfe. Wenn ich statt sechzig
Jahren, die wie eine Unendlichkeit wirkten, nur noch ein oder zwei oder
auch fünf Jahre vor mir sah, wurde meine Verzweiflung schon etwas
geringer. Denn die Ausweglosigkeit lag in der Unabsehbarkeit der vor
mir liegenden Zeitspanne. Wie sollte ich meine Lebenszeit erfüllen
ohne meinen Wunschberuf der Kindergärtnerin, die ich nicht mehr
werden durfte, ohne Mann und Kinder? Mit der Selbstmordmöglichkeit
sah ich ein Ende ab. Ohne ein Ziel vor sich kann der Mensch nicht leben.
Nun hatte ich wieder ein Ziel vor mir, nachdem mir das Lebensziel genommen
war. Ich konnte wieder planen, wenn auch auf die Freiheit zum Selbstmord
hin. In einem oder in zwei Jahren, nahm ich mir vor. Soviel Zeit würde
ich auch mit dieser schweren Belastung, als "minderwertig"
abgestempelt zu sein, ausfüllen können. Meine in der Verzweiflung
gebundene Kraft konnte wieder dem Leben zufließen. Nach einem
Jahr, als ich zuerst im Töpfern und später im Modellieren
eine Ausdrucksmöglichkeit für mich gefunden hatte, verlängerte
ich die selbstgesetzten Lebensfristen, bis ich sie sehr viel später
nicht mehr nötig hatte. Aber nur die wenigsten Zwangssterilisierten
hatten die Möglichkeit, sich durch eine beglückende Arbeit
von dem vernichtenden psychiatrischen Urteil ihrer "Unheilbarkeit"
und "Minderwertigkeit" und seinen existentiellen Benachteiligungen
zu entlasten.
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Die
ganze Wahrheit
1961, als ich als Bildhauerin an öffentlichen Aufträgen arbeitete,
die nur durch Wettbewerbe zu gewinnen waren, hörte ich während
des Eichmann-Prozesses in Jerusalem zum ersten Mal auch eine Zahl der
von Psychiatern ermordeten "Euthanasie"-Opfer. Bestürzt
wollte ich Näheres wissen. Außer einem schmalen Kapitel in
"Medizin ohne Menschlichkeit" von Alexander MITSCHERLICH und
Fred MIELKE gab es im Buchhandel damals nichts. In einem Pressearchiv
fand ich einige Leserbriefe, darunter den Brief eines ehemaligen Patienten
der Anstalt "Eichberg" über seine grauenhaften Erfahrungen
als Leichenträger. Der längst vergriffene Bericht "Die
Tötung Geisteskranker in Deutschland" von Alice PLATEN-HALLERMUND
von 1948 wurde mir auf Umwegen geliehen. Nur mühsam gewann ich
einen Einblick in die verschwiegenen und verdrängten Morde, die
von unseren Gesundheitsbehörden und Ministerien und von zumeist
beamteten Psychiatern und Leitern psychiatrischer Anstalten geplant
und durchgeführt worden waren. Die Todesurteile wurden nur nach
Fragebogen von den psychiatrischen Gutachtern und Obergutachtern gefällt,
die die Patienten nie gesehen und gesprochen hatten. Zwölf Psychiatrie-Professoren,
darunter namhafte Wissenschaftler, die zum Lehrkörper deutscher
Universitäten gehörten und zum Teil auch nach 1945 weiter
lehrten, waren als Gutachter tätig. Der Fachausdruck für ein
Todesurteil durch diese Psychiater durch ein rotes Positivzeichen bedeutete,
dass dieser Mensch "positiv" begutachtet worden war. Die Todesurteile
wurden bis zum August 1941 durch Vergasen in den 6 Tötungsanstalten
vollstreckt, danach durch Abspritzen oder Vergiften mit überdosierten
Medikamenten oder durch Verhungernlassen nun in vielen kommunalen und
staatlichen Anstalten. Mir ging besonders die Einsamkeit des Sterbens
der "Euthanasie"-Opfer nach. Die aus rassischen Gründen
ermordeten Juden, Polen, Roma und Sinti erlebten ihre Vernichtung als
Volk und im Familienverband. Die "Euthanasie"-Opfer traf das
psychiatrische Urteil als "lebensunwertes Leben" jeden für
sich allein. Viele werden von ihren Angehörigen in die Anstalten
eingewiesen worden sein, die sie nun dem Tode auslieferten oder selber
töteten. Auch uns Zwangssterilisierte traf das psychiatrische Urteil
als "Minderwertige" jeden einzelnen isoliert. Ich lebte mit
dem bedrückenden Gefühl, mit der Last des Wissens um die verdrängten
und verschwiegenen Patientenmorde völlig allein zu sein. Aus meinen
Gesprächen mit meinen Mitpatientinnen während meiner 5 Anstaltszeiten
in der Zeitspanne von 1936 - 1959 wußte ich von ihrem Psychose-Erleben,
das dem meinen ähnlich war. Um solcher Erfahrung willen waren schizophrene
PatientInnen umgebracht worden ohne vorausgegangene ärztliche Gespräche
über die Vorgeschichten und die Psychose-Inhalte und ihre Sinnzusammenhänge.
Die psychiatrische Lehre der nicht seelisch, sondern körperlich
und erblich verursachten, und daher sinnlosen unheilbaren "endogenen
Psychosen" verhinderte solche Gespräche. Dieses Dogma der
erblichen Somatose war die Voraussetzung auch unserer Zwangssterilisationen
gewesen.
Erwachen
aus der Ohnmacht
Die von unseren Ärzten, Theologen, Juristen, Politikern und der
Öffentlichkeit verschwiegenen und verdrängten Patientenmorde
und die auch nach 1945 unverändert unmenschlichen Zustände
in unseren psychiatrischen Anstalten beunruhigten mich so tief, dass
es mich von der künstlerischen Arbeit immer wieder an die Schreibmaschine
drängte. In meiner bildhauerischen Arbeit ging es mir um die Beziehungen
der Formen und Gestalten zueinander. Die Beziehungslosigkeit unserer
Psychiater zu ihren Patienten durch die fehlenden Gespräche widersprach
allem Menschlichen, ohne das es keine Kunst geben kann. Es gelang mir
nicht, mich über diesen Abgrund von Gleichgültigkeit hinwegzusetzen,
und ich wollte es auch nicht. Nur wir Betroffenen selber würden
zu mehr Einsicht und Menschlichkeit in der Psychiatrie beitragen können
- auch dadurch, dass wir uns weigerten, weiterhin stumme Opfer und Objekte
zu bleiben. Wir müssten die Psychiater davon überzeugen, dass
unsere Psychosen seelische Ursachen und einen Sinn für uns haben.
Das würden wir nur in Berichten über die Entstehung unserer
Psychosen, ihre Inhalte und Sinnzusammenhänge mit unserer Lebensgeschichte
beweisen können. Nachdem ich 1968 die an den PatientInnen begangenen
Morde in einem Spiel für eine Patientenbühne bearbeitet hatte,
setzte ich mich in einem folgenden Manuskript mit den psychiatrischen
Lehren auseinander, denen ich meine schizophrenen Erfahrungen widerlegend
oder bestätigend gegenüberstellte. Ende der sechziger und
während der siebziger Jahre machte uns HANS KRIEGER, ein Mitarbeiter
der Wochenzeitung DIE ZEIT, in seinen engagierten Rezensionen mit den
psychiatrischen Reformbewegungen des Auslands, mit RONALD LAING in Kingsley
Hall, mit JAN FOUDRAINE in Holland und vielen anderen bekannt. Ich gewann
Kontakt zu Hans KRIEGER, und er riet mir, meine eigenen schizophrenen
Erfahrungen zur Hauptsubstanz des Buches zu machen. 1990 erschien mein
Schizophrenie- und Heilungsbericht mit dem Titel "Auf der Spur
des Morgensterns - Psychose als Selbstfindung" unter den umgestellten
Buchstaben von "Schizophrenie" gleich Sophie Zerchin. Wenn
die Leiden der "Euthanasie"-Opfer und von uns Zwangssterilisierten
einen Sinn gewinnen sollen, muss sich das in der Psychiatrie ändern,
was zu diesem Verbrechen führen konnte: die fehlenden Gespräche.
Menschen, mit denen man nicht spricht, lernt man auch nicht kennen,
man nimmt sie nicht als Menschen wahr. Darum konnten die Psychiater
ihre PatientInnen gleich zu Hunderten den Gaskammern der Tötungsanstalten
überlassen, und sie nach der Einstellung der Vergasungen im August
1941 auch selbst töten.
Psychose-Seminare
Um diese dringend notwendigen Gespräche zwischen uns Psychose-Erfahrenen,
Angehörigen und Fachleuten einzuführen, haben wir im Wintersemester
1989/90 an der Hamburger Uni-Psychiatrie das erste "Psychose-Seminar"
als Erfahrungsaustausch zwischen diesen drei - und wo es Bürgerhelferinnen
und Bürgerhelfer gibt - zwischen diesen vier Gruppen unter der
Moderation des Psychologen Dr. Thomas BOCK begonnen. Psychosen sind
sehr viel besser aus dem eigenen Erleben der Betroffenen, als aus psychiatrischen
Theorien zu verstehen. Will die Psychiatrie als eine empirische Wissenschaft
gelten, führt kein Weg am gleichberechtigten Erfahrungsaustausch
vorbei. Diese Idee des gleichberechtigten Erfahrungsaustausches lag
auch unserem XIV. Weltkongress für Soziale Psychiatrie vor 2 Jahren
in Hamburg mit 3.200 Gästen aus 52 Ländern zugrunde. "Abschied
von Babylon – Verständigung über Grenzen in der Psychiatrie"
lautete der Titel. Dieser Erfahrungsaustausch in unseren jetzt etwa
70 Psychose-Seminaren in der Bundesrepublik und demnächst auch
in Zürich, Bern und Basel ist unsere - der Betroffenen - Antwort
auf die fehlenden Gespräche der Psychiater, die von 1933-1945 zu
den Zwangssterilisationen und zu den Morden an den von ihnen als "minderwertig"
und als "lebensunwert" verachteten Patienten und Patientinnen
führten. Die Idee unserer Psychose-Seminare ist höchst einfach
und eigentlich selbstverständlich: Da jeder von uns - auch der
Psychiater - nur das wirklich kennt, was er selbst erlebt hat, können
wir Psychose- und Depressions-Erfahrenen besser, als es Fachleuten ohne
eigene Psychose-Erfahrung möglich sein kann, ein Verständnis
der eigenen Psychose oder Depression und ihrer Vorgeschichte vermitteln
und über das, was uns geholfen hat oder helfen würde. Auch
die Angehörigen können als unmittelbar Mitbetroffene nur selber
ein Verständnis ihrer Situation und ihrer Schwierigkeiten vermitteln.
Die PsychiatriemitarbeiterInnen verstehen sich vor allem als Lernende,
die ihre Vorstellungen und Lehren über Psychosen und Depressionen,
und wie sie entstanden sind, aus den Erfahrungen der Betroffenen ergänzen
oder auch korrigieren.
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Reform
von unten
Dass diese Idee eines demokratischen und gleichberechtigten Erfahrungsaustausches
nicht von den Fachleuten gekommen ist, werden Sie sich denken können.
Mehr Demokratie wird fast immer von unten, der Basis, erwachsen, wenn
die Leiden der Entwerteten, Missachteten eine grundlegende Veränderung
notwendig machen. Als im Juni 1987 zum ersten und einzigen Mal VertreterInnen
der als "minderwertig" zwangssterilisierten, und der als "lebensunwert"
die Tötungsanstalten überlebenden Menschen vor dem Innenausschuss
des Deutschen Bundestages angehört wurden, machte mir die damalige
Behinderten-Beauftragte des Bundesgesundheitsministeriums auf meine
Kritik auch an der heutigen Psychiatrie, die im wesentlichen Symptome
medikamentös bekämpft, statt helfend ein gemeinsames Psychoseverständnis
zu erarbeiten, einen Vorschlag. Ich solle meine Vorstellungen einer
verständigeren und menschlicheren Psychiatrie für das Bundesgesundheitsministerium
aufschreiben. Diese Chance wollte ich nicht ungenutzt lassen. In einem
ausführlich begründeten Antrag auf einen "Arbeitskreis
für mehr Mitbestimmung Betroffener in der Psychiatrie" stellte
ich die Notwendigkeit einer auf den Erfahrungen der Betroffenen gründenden
empirischen Psychiatrie dar. Der Arbeitskreis sollte aus etwa 30 TeilnehmerInnen
gebildet werden: Betroffene der Selbsthilfegruppen, Angehörige,
Psychiater, Psychologen, Vertreter der Pfleger und Schwestern, einem
Vertreter des "Dachverbandes psychosozialer Hilfsvereinigungen
e.V." und je einem theologischen Leiter einer evangelischen und
einer katholischen Anstalt. Auch in der heutigen theologischen Ausbildung
werden keine Kenntnisse zum besseren Verständnis psychotischer
Menschen vermittelt. Das führt auch in den Kirchengemeinden häufig
zu Vorurteilen und Ängsten vor psychose- und psychiatrieerfahrenen
Gemeindemitgliedern, die sich ausgegrenzt fühlen. Darum wäre
die Teilnahme von Theologen an unseren Psychose-Seminaren notwendig.
Der beantragte Arbeitskreis sollte monatlich im Bundesgesundheitsministerium
tagen und durch ein Arbeitspapier Initiator für die Bildung weiterer
Arbeitskreise in der Bundesrepublik sein. Ein von uns Psychose- und
Depressions-Erfahrenen vermitteltes besseres Verständnis würde
auch die äußeren Lebensumstände Betroffener verbessern,
da man nur denen, die man nicht versteht und deshalb für "weniger
wert" hält, zumutet, was man selbst nicht ertrüge. Prof.
KLAUS DÖRNER befürwortete meinen Antrag bei der damaligen
Bundesgesundheitsministerin Frau RITA SÜSSMUTH.
Bemühen
um Annäherung findet Resonanz
Das Bundesgesundheitsministerium antwortete mit dem Vorschlag, den beantragten
"Arbeitskreis für mehr Mitbestimmung Betroffener in der Psychiatrie"
vor Ort einzurichten. Im Sommersemester 1989 fühlte ich als Gast
in einem regulären Psychose-Seminar an der Hamburger Uni-Psychiatrie
vor, wie groß die Bereitschaft zum Dialog mit uns Psychose-Erfahrenen
sein würde. Der Psychologe Dr. THOMAS BOCK stellte dort StudentInnen
und Berufstätigen aktuelle professionelle Psychose-Konzepte und
Psychose-Forschung vor. Bei diesem Mal wurden gerade Interviews an die
StudentInnen mit VertreterInnen verschiedener therapeutischer Schulen
zu ihrem Psychose-Verständnis vergeben. Als ehemals Schizophrene
mit 5 Schüben in der Zeitspanne von 1936-1959 und nun seit fast
37 Jahren durch ein gewonnenes Psychose-Verständnis gesund, schlug
ich vor, mich ebenfalls zu befragen. So wurde aus dem Sprechen über
Psychosen und über psychotische Menschen das Gespräch miteinander.
Schon im nächsten Wintersemester 1989/90 wurde das Psychose-Seminar
für Erfahrene und Angehörige geöffnet. Der Dialog entwickelte
sich zum Trialog, zunächst als Diskussion nach Profireferaten.
Erst im Sommersemester 1990 wurde eines der 5 Treffen am 9. Mai 1990
für "Das Erleben der Psychose und individuelle Versuche der
Bewältigung" durch die Darstellung von zwei psychose-erfahrenen
Männern und zwei Frauen angesetzt. Unser Vierergespräch über
das Psychose-Erleben stieß auf großes Interesse. Wir schlugen
Dr. BOCK vor, Psychosen künftig ohne Referenten aus unserem Erleben
heraus gemeinsam zu besprechen. So wurden die ersten vier Treffen im
WS 1990/91 nur für Psychose-Erfahrene angesetzt, und zwar für
die Fragen: "Wie ist eine Psychose zu verstehen ? Was braucht man
in der Psychose?" Bei den letzten drei Treffen war das Seminar
dann wieder für StudentInnen, Berufstätige und Angehörige
geöffnet. In der Ankündigung hieß es: "Psychose-Erfahrene
informieren über ihr Erleben, ihre Erwartungen und Wünsche.
Gelegenheit für StudentInnen, ihr fachliches Wissen zu überprüfen,
sich aus `erster Hand` zu informieren. Keine Selbsterfahrung, sondern
fachlicher/wissenschaftlicher Austausch." Es war beeindruckend,
wie bei diesen ersten Treffen über zwanzig Psychose-Erfahrene,
um einen großen Tisch herumsitzend ganz selbstverständlich
aus ihrem Psychose-Erleben und zuweilen auch aus der Vorgeschichte erzählten.
Da in unseren Psychiatrien geäußerte Psychose-Erfahrungen
in der Regel mit noch mehr Medikamenten beantwortet werden, konnten
fast alle hier zum ersten Mal in ihrem Leben über das wohl immer
tief beeindruckende Psychose-Erleben sprechen, ohne eine Medikamentenerhöhung
befürchten zu müssen. Die letzten drei Male im Wintersemester
90/91 waren wir wieder mit den Angehörigen, Profis und StudentInnen
zusammen und blieben es fortan. Als eine universitäre Veranstaltung
richtet sich unser Psychose-Seminar nach den Sommer- und Wintersemestern.
Wir treffen uns alle 14 Tage von 17 - 19 Uhr mit einer viertelstündigen
Pause um 18 Uhr, die strikt eingehalten wird. Getränke stehen bereit.
Am Ende eines Semesters tragen wir die im nächsten Semester zu
besprechenden Themen zusammen und stimmen zu Beginn des neuen Semesters
über sie und ihre Reihenfolge ab. In nun 13 Semestern haben wir
viele Themen besprochen, von denen ich nachher nur einige wiedergeben
kann.
Eine
Idee breitet sich aus
In den ersten Jahren nahmen jedes Mal um die 50 Interessierte am Seminar
teil. Wir saßen damals im Ärztezimmer um einen langen, rechteckigen
Tisch mit breiten Sesseln in der ersten Reihe und Stühlen dahinter.
20 - 50 TeilnehmerInnen lassen noch wirkliche Gespräche miteinander
zu. Inzwischen ist die Teilnehmerzahl sehr gewachsen auf meist 60 -
70. Der Seminarraum ist mit mehreren Stuhlreihen um einen großen
Tisch voll besetzt. Zuweilen sind wir sogar über 100 und müssen
dann in den Hörsaal umziehen. So erfreulich das große Interesse
am Erfahrungsaustausch ist, sind intensive Gespräche miteinander
dann weniger möglich. In den ersten Jahren trugen wir unsere Erfahrungen
mit der Psychose in eine Strichliste ein, entweder unter E = Erfahrene,
A = Angehörige oder O = Psychiatrie-MitarbeiterInnen. Diese drei
Gruppen blieben nahezu gleich groß. Nur vereinzelt nahmen E und
A aus einer Familie teil.
Als
ein guter Einstieg und dem bildhaften Erleben in der Psychose entsprechend
erwies sich Dr. BOCK`s Vorschlag zu Beginn unseres Psychoseseminars,
unser Psychoseerleben in einem Sprachbild auszudrücken. Zwölf
dieser Sprachbilder gebe ich hier wieder.
Eine
Psychose ist für mich (wie):
...ein
Fallschirm ohne Seil am Korb
...auf spitzen Steinen gehen
...eine ständige Verschiebung der Normen und Wirklichkeiten
...ein Erleben wie Goldmarie, nachdem sie sich in ihrer Ausweglosigkeit
in den Brunnen gestürzt hat (Märchen von "Frau Holle")
Leider trifft sie auf diesem Weg meistens keine Frau Holle, die sie
aufnimmt und bei der sie arbeiten kann, sondern landet mehr oder weniger
sanft in der Psychiatrie.
...so desintegrierend, dass man sich wie ein Mobile fühlt, das
sich im Wind bewegt. Schon kleine Eindrücke irgendwo an der Peripherie
führen zu großen Erschütterungen des gesamten Menschen,
und Zustände relativer Ruhe sind selten.
...ein Aufbruch innerer Impulse
...sich getrieben fühlen. Ich habe dann ein viel stärkeres
Selbstbewusstsein, ein erhöhtes Lebensgefühl. Ich habe dann
immer viel geschrieben. Ich spürte einen engeren Zusammenhang zum
Ganzen als im normalen Zustand. Jetzt versuche ich, die inneren Impulse
zu erhalten. Vielleicht hatte ich sie vernachlässigt.
...ein Abschneiden von der Umwelt. Ich habe dann niemandem mehr getraut.
Nehme Gerüche und Geräusche gesteigert wahr. Steigere mich
in Angst. Manchmal viele Tage und Nächte. Irgendwann wird es weniger;
wahrscheinlich kann man irgendwann nicht mehr Angst haben.
...Für mich ist Neurose ein ständiges Anwachsen von Spannungen,
wie eine Spiralfeder, die immer weiter aufgezogen wird. Und Psychose
ist, wenn die Spannung gelöst wird. Dadurch wird dann auch ungeheuer
viel Energie frei und ungewohnt starke Gefühle.
...wohl die einzige Möglichkeit, wenn die Welt zu hart und unverständig
ist - am besten nichts mehr fühlen und denken -
...wenn
man die Brutalität und Machtbesessenheit sowie den Materialismus
nicht mehr ertragen kann. Es ist wohl der letzte Ausweg, wenn man den
Tod selbst nicht herbeiführen will und der Schmerz unerträglich
wird.
...eine Möglichkeit für mich, mit den Schwierigkeiten, die
ich habe, sehr erfüllt zu leben, mich allein, aber nicht einsam
zu fühlen. Für mich habe ich so ein Gefühl bekommen durch
diese Zustände, in denen ich psychotisch war, dass ich unheimlich
viel Lust habe zu leben, dass ich alles, was mich erstarren lässt,
weit von mir weise. Es kam dann so ein Schwall aus mir heraus, und ich
hatte den Eindruck, einen Großteil meines Lebens zu verstehen."
Nach
unseren bisher zwei aus dem Hamburger Psychose-Seminar herausgegebenen
Büchern: "Stimmenreich – Mitteilungen über den
Wahnsinn", 1992 und 1994: "Im Strom der Ideen – Stimmenreiche
Mitteilungen über den Wahnsinn", beide im Psychiatrie-Verlag,
Bonn, werden wir sicher auch einmal die Protokolle dieser vielen Treffen
zum Erfahrungsaustausch herausgeben, wenn sie denn von Interesse sein
sollten. Sie werden von den StudentInnen geführt. Ein wichtiges
Thema für die Betroffenen auch in unseren Selbsthilfegruppen ist
die Frage: Was hilft in der Psychose? Einer der vordringlichsten Wünsche
und Forderungen an die Fachleute ist immer wieder Offenheit in allen
Begegnungen und Gesprächen. Natürlich haben auch offene Stationen
für alle etwas Beruhigendes.
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Neues
Psychose-Verständnis
Ein anderes wichtiges Thema ist in unserem Selbsthilfe-Gesprächskreis
und war es auch in unserem Psychose-Seminar die Entstehung unserer Psychosen.
Die Stauung von Gefühlen und Impulsen wird von vielen als entscheidende
Ursache erlebt und bewertet. Daher bewegt uns auch die Frage, wie solche
Gefühlsstauungen zu vermeiden sind. Gefühle leben und ausdrücken.
Alle kreativen Ausdrucksmöglichkeiten bieten sich an. Besonders
das Schreiben, auch als Tagebuch, Malen, Modellieren, Musik machen.
"Bei inneren Aggressionen Briefe an sich selbst schreiben, bei
denen man sie ausspricht", schlug eine Betroffene vor. Beim Schreiben
meines Schizophrenie- und Heilungsberichtes "Auf der Spur des Morgensterns
- Psychose als Selbstfindung" unter dem Anagramm von "Schizophrenie"
= Sophie Zerchin machte ich die Erfahrung, dass sich, wie so vieles
andere, auch der Zorn dadurch abnutzt, dass man das, was den Zorn erregt,
immer wieder in die Schreibmaschine hämmert. Abnutzung durch Wiederholen
und Schreiben als Befreiung. Da Psychiater in ihren Lehrbüchern
und anderen Veröffentlichungen nur Symptome beschreiben, ohne sich
auf die Entstehung dieser Symptome einzulassen, ergänzen wir auch
das Zustandekommen dieser Symptome aus unseren Erfahrungen. Beispielsweise
gilt als "zentrales schizophrenes Syndrom" das Erlebnis der
"Eingebung von Gedanken, Vorstellungen, inneren oder gehörten
Stimmen". Die bloße Feststellung dieses Symptoms hilft niemandem
zum Verständnis. Dabei wäre die Kenntnis des Einbruchs von
Inhalten des eigenen, normalerweise Unbewussten ins Bewusstsein, um
einen vorausgegangenen seelischen Konflikt oder eine Lebenskrise zu
lösen, die wir mit unseren bewussten Kräften nicht lösen
konnten, für die Betroffenen in vielen Fällen lebensrettend.
Denn der Schrecken und die Glaubwürdigkeit schizophrenen Erlebens
resultieren vor allem aus unserer Bewertung dieser so ungewöhnlichen
Erfahrungen als von Gott oder anderen Mächten oder Menschen "eingegebenen"
Vorstellungen, Gedanken, Stimmen, weil sie sich von unserem normalen
Denken so völlig unterscheiden. Wie viele Betroffene sind dem als
von außen "eingegebenen" erlebten Befehl, sich umzubringen,
schon gefolgt ? Weiß man dagegen, dass das normalerweise Unbewusste
in der Schizophrenie ins Bewusstsein einbricht, wie SIGMUND FREUD und
C.G. JUNG es schon zu Anfang des Jahrhunderts erkannten, und gehörte
Stimmen eine alte Form des Denkens sein werden, kann man das als von
außen "eingegeben" Erlebte und Bewertete leichter aus
sich selbst kommend erkennen. Vorher wagt man nicht einmal, es kritisch
zu hinterfragen. Wer seine Schizophrenie verstehen will - und eine andere
Heilungsmöglichkeit wird es kaum geben - muss auch heute die dazu
notwendigen Kenntnisse immer noch selber finden. Ich hatte das Glück,
in meinem vierten schizophrenen Schub 1946 durch eine Mitpatientin zu
erkennen, dass in der Psychose Inhalte unseres eigenen Unbewussten ins
Bewusstsein einbrechen. Aus ihrem nächtlichen Traum heraus geriet
sie in eine schwere Psychose. Sie sprach dabei eine fremde, wie französisch
klingende Sprache. Sie hatte nie französisch gelernt, ich wußte
aber von ihr, dass sie aus einer Hugenottenfamilie stammte. Offensichtlich
war mit ihrer Psychose dieser Sprachrhythmus ihrer Vorfahren, der sie
die zweite statt die erste Silbe in Deutschen betonen ließ, aufgebrochen.
Aber erst nach meinem fünften und letzten Schub 1959 fiel mir auf,
dass seit dem Aufbruch meiner psychotischen Vorstellungen meine Nachtträume
ausgesetzt hatten, die ich nach dem Aufwachen vielleicht nur vergaß.
Ich konnte mir das nur so erklären, dass die psychotischen Vorstellungen
an die Stelle meiner Nachtträume getreten waren. Sie mussten also
aus der gleichen Quelle kommen: aus meinem eigenen Unbewussten. Ebenso
wenig wie der Traum "geisteskrank" ist, kann es die psychotische
Vorstellung sein, sagte ich mir. Unsere Krankheit kann nur darin liegen,
dass wir unsere psychotischen Vorstellungen für wirklich halten,
was wir im Traum nur tun, solange wir ihn träumen. Verstand ich
die Vorstellungen meiner abgeklungenen Psychose auf der Traumebene,
konnten sie ihren Sinn für mich behalten, nur ihre Wirklichkeit
nicht. Dieses Verstehen der Psychose als Aufbruch des eigenen Unbewussten
befreite mich von der uns wohl alle schwer belastenden psychiatrischen
Bestimmung der Schizophrenie als einer körperlich und erblich verursachten,
"unheilbaren" Geisteskrankheit oder, wie es heute heißt:
seelischen Krankheit durch eine Störung des Stoffwechsels im Gehirn.
Mir wurden die Parallelen zwischen Traum und Psychose klar. Aus unseren
Nachtträumen wissen wir, dass sie das normale Realitätsgefühl
ebenso außer Kraft setzen können wie das in der Psychose
geschehen kann. Oder das bildhafte Erleben in Traum und Psychose in
Symbolen. Eine andere Entsprechung zwischen Traum und Psychose sind
die aus den Irrenwitzen bekannten Identifikationen mit anderen Personen
oder auch mit Symbolen wie Christus, Braut Christi und anderen. In unseren
Nachtträumen erleben wir etwas ähnliches. Denn die im Traum
auftretenden und handelnden Personen meinen uns häufig selbst.
Sie sind ein Teil von uns, obwohl sie unter einer anderen Identität
auftreten. Als Betroffene muss man wissen, dass die Identifikationen,
von denen wir ergriffen werden können, ein Mittel des Unbewussten
und auch des Traumes ist, das in der Psychose aufbricht. Dass die erlebten
Symbole und Identifikationen so glaubwürdig für uns sein können
wie sie es im normalem Zustand nicht wären, liegt wohl vor allem
daran, dass sich in der Psychose das Weltgefühl verändert.
Man spürt überall Sinnzusammenhänge, ohne sie wissen
zu können. Das ist ein sehr anstrengendes Erleben und lässt
uns auch Unmögliches miteinander in Beziehung setzen. Die Psychiatrie
nennt es Beziehungs- und Bedeutungswahn. Ich nannte es "Zentralerleben",
weil alle Bereiche des Lebens wie bei einem Fächer von einer gemeinsamen
Mitte auszugehen und miteinander verbunden zu sein scheinen im Unterschied
zur normalen Welterfahrung. Das verführt sehr leicht dazu, nicht
sich auf das Ganze, sondern das Ganze auf sich bezogen zu erleben. Mit
dem Gefühl der Angst kann das als persönliche Bedrohung erfahren
werden und zu Verfolgungsideen führen. Im Vertrauen auf eine sinnvolle
Führung überwiegt das Gefühl des engen Verwobenseins
mit dem Ganzen. Diese im normalen Zustand nicht gespürten Sinnzusammenhänge
führen nach meiner Erfahrung auch dazu, Wesentliches und Unwesentliches
nicht mehr zu unterscheiden, weil alles einen geheimen Sinn zu haben
scheint, Gleichnis für etwas ist. Dass das Weltgefühl auch
im Traum verändert ist, ohne es uns bewusst zu machen, lässt
ein Zitat von SIGMUND FREUD über den Traum im "Abriss der
Psychoanalyse" vermuten. (Zitat): "Da ist vor allem eine
auffällige Tendenz zur Verdichtung, eine Neigung, neue Einheiten
zu bilden aus Elementen, die wir im Wachdenken gewiss auseinander gehalten
hätten." (Zitatende) Psychose-Erfahrungen ohne klare
Parallelen zum Traum, wie z.B. gehörte Stimmen, können besser
verstanden werden, wenn man weiß, dass unsere frühen Vorfahren
wahrscheinlich ihre Gedanken hörten, und dass das Stimmenhören
eine alte, ursprüngliche Form des Denkens sein wird. C.G. Jung
erwähnte in seinen "Erinnerungen - Träume - Gedanken"
einen von der Außenwelt abgeschiedenen Volksstamm, dessen Menschen
noch in unserem Jahrhundert ihre Gedanken hörten. Auch das Denken
und Vorstellen in Symbolen und Bildern, das in der Psychose aufbrechen
kann, gehört zu diesen älteren, sinnenhaften Denkformen, ehe
sich das abstrakte Denken entwickelte. Wer keine Stimmen hört,
wird doch innere Impulse kennen, die die Führung übernehmen.
Besonders nach vorausgegangenen anstrengenden Lebenskrisen kann es eine
Erleichterung sein, sich dieser inneren, nicht gehörten Stimme
zu überlassen. Sie kann uns im genaueren Zusammenhang des Ganzen
leiten, mehr als es der eigene Wille vermag. Die Verwandtschaft zwischen
Traum und schizophrener Psychose scheint mir auch darin zum Ausdruck
zu kommen, dass beide in konkrete Vorstellungen und bildhafte Symbole
verwandeln, was als vorausgegangener seelischer Konflikt oder Lebenskrise
noch ungestaltet oder sogar ausweglos erschien. Vielleicht trifft das
nur für die sogenannte "positive Symptomatik" der Schizophrenie
zu. Es wird einen Sinn haben, dass auch unsere Nachtträume Probleme,
Emotionen und uns gar nicht bewusste Inhalte unserer Seele in konkrete,
real erlebte Situationen verwandeln, die sie uns zugänglicher machen
können, in denen wir unsere Phantasien ausleben können, wie
wir das auch in unseren Psychosen tun. Die Parallelen von Traum und
Psychose können den Zugang zum Psychose-Erleben erleichtern und
befreien uns vom abwertenden Stigma der von vielen Psychiatern immer
noch oder heute wieder vertretenen These der "sinnlosen und unheilbaren"
Erkrankung. Wird dieses wohl immer zutiefst beeindruckende Erleben nur
medikamentös bekämpft und verdrängt ohne eine Hilfe zu
seinem Verständnis, bleibt der Betroffene in tiefer Verunsicherung
zurück, ohne sich sein abgeklungenes Erleben erklären zu können.
Wie alles nur Verdrängte oder von sich selbst Abgespaltene, bricht
das unverstandene Erleben über kurz oder lang erneut auf.
Vermeidung
von Psychosen
Um unsere psychotischen Reaktionen auf vorausgegangene Lebenskrisen
in Zukunft zu vermeiden, dient nicht nur ein besseres Verständnis.
Unsere Psychosen haben uns ja auch etwas zu sagen, was wir ändern
müssen, wie die Stauung von Gefühlen, die von so vielen Betroffenen
als Ursache ihrer Psychosen erlebt werden, vermieden werden kann. Meine
5 schizophrenen Schübe waren alle durch den Aufbruch starker treibender
Impulse gekennzeichnet, die ich vorher nicht kannte. Als ich diese treibende
Kraft zu Beginn meines ersten Schubes 1936 erstmals erlebte, erklärte
ich sie mir mit dem Paulus-Wort: "Die der Geist Gottes treibt,
die sind Gottes Kinder." Ich beschloss: "Mein Wille ist,
nicht mehr zu wollen, sondern mich führen zu lassen." Während
meines vierten (nicht durch Insulin- oder Cardiazolschocks, wie der
zweite und dritte Schub unterbrochenen ) Schubes konnte ich das allmähliche
sich Abschwächen der starken inneren Impulse oder inneren Stimme
zu einem "Instinkt", wie ich ihn nun nannte, beobachten, den
ich mir zu erhalten suchte. Zum ersten Mal folgte eine lange, 13jährige
schubfreie Pause. Ich erklärte sie mir damit, dass ich aus diesem
Instinkt heraus zu leben versuchte, die Impulse sich nicht mehr stauten.
Nach einer schweren Krise brach nach 13 Jahren dann aber doch noch mein
letzter Schub 1959 auf. Nach ein oder zwei Neuroleptika-Spritzen, die
uns auch körperlich total schwächten und meinen Kopf so verspannten,
dass ich nichts mehr denken und fühlen konnte, reagierte ich zu
meinem Glück mit einem Hautausschlag und bekam statt der Spritze
Pillen in den Mund geschoben, die ich jedesmal ins Klo spülte.
Nach etwa 8 Wochen war ich ebenso psychosefrei, wie meine Mitpatientinnen,
die die Pillen schluckten. Es hatte mir nichts genützt, dass ich
der Oberärztin erklärte, dass die 13jährige schubfreie
Pause dem Umstand zu verdanken sei, dass der vorausgegangene, nicht
medikamentös unterbrochene Schub mir den schwachen Instinkt ließ,
den ich in mein Leben einbezog, während die erlebten Schockbehandlungen
von den Impulsen nichts übrig ließen, und auch die Neuroleptika
sie total verdrängen würden. Dass unsere Erfahrungen nichts
gelten, erleben auch die heutigen PatientInnen. Als mir nach meinem
letzten Schub die Traumebene meiner Psychose-Erfahrungen klar wurde,
und ich die mit jedem meiner 5 Schübe aufgebrochenen inneren Impulse
gleichsam als dynamische Kraft verstand, die wie ein Aufzug die Inhalte
meines normalerweise Unbewussten ins Bewusstsein befördert hatten,
lebte ich von da an bis heute aus diesen nur noch schwachen, inneren
Impulsen oder der inneren, nicht gehörten Stimme. Ein gewonnenes,
nur besseres Verständnis der Psychose wird allein nicht genügen,
um erneute Schübe zu vermeiden. Es fragt sich nur, was dem Betroffenen
mehr hilft: Neuroleptika zur Reduzierung seiner Gefühle und Impulse
oder zur Vermeidung von Stauungen ihre alltägliche Einbeziehung,
angefangen beim Essen, wenn man Hunger hat, Schlafen, wenn man müde
ist, um auf die inneren Impulse achten zu lernen. Das heißt auch,
sich und der Kraft oder inneren Stimme, die uns leitet, zu vertrauen.
Eine
Zwischenbilanz
Zum Abschluss die Frage: Was hat der Erfahrungsaustausch zwischen Betroffenen,
Angehörigen, Fachleuten und, wo es sie gibt, BürgerhelferInnen
in unseren Psychose-Seminaren bisher verändert, und was bewirkt
er? Da ist zunächst einmal die veränderte Rollenverteilung:
Im Unterschied zur Therapie, wo PatientInnen als Objekte der Behandlung
und Angehörige oft als Störfaktor gesehen werden, gelten in
unseren Psychose-Seminaren die Psychose-Erfahrenen als die eigentlichen
Experten ihrer Psychosen, die Angehörigen als deren Kenner, und
die Profis sehen sich als die Lernenden, die sich einen persönlichen
Zugang zum Geschehen erarbeiten. Über das Psychose-Erleben, das
in der Psychiatrie nur als ein Unwert bekämpft wurde, als etwas
gar nicht so Abwegigem sprechen, sich austauschen zu können und
mit Verständnis und Respekt angehört zu werden, ist eine unglaublich
ermutigende Erfahrung nach aller Entmutigung in unseren Psychiatrien.
Das dort oft zerstörte Selbstvertrauen kann sich wieder erholen.
Dass man zu sich und der eigenen Lebensgeschichte stehen kann, sie nicht
mehr verleugnen muss, ermutigt dazu, sich auch außerhalb der Psychose-Seminare
als Psychose- oder Psychiatrie-Erfahrene erkennen zu geben. In unserem
aus unserem Hamburger Psychose-Seminar und dem "Dachverband Psychosozialer
Hilfsvereinigungen" angeschlossenen "Arbeitskreis Betroffene"
1992 hervorgegangenen "Bundesverband Psychiatrie-Erfahrener e.V."
(BPE) finden sich immer mehr Mitglieder bereit, bei Tagungen und Arbeitsgruppen
über ihre Erfahrungen zu sprechen. Auch von Psychiatern - natürlich
mehr der sozialpsychiatrischen als der medizinisch-physiologischen Richtung
- wurden wir zu Fortbildungsveranstaltungen eingeladen; auch von der
Bundesdirektorenkonferenz mehr zu einem Streitgespräch. Einen therapeutischen
Anspruch erheben die Psychose-Seminare nicht. Ohne es zu wollen, haben
sie aber eine therapeutische Wirkung, weil das angehörte und ernst
genommene Psychose-Erleben zur Verarbeitung oder doch zum Überdenken
anregt. Es braucht nicht mehr als nur "krank" von sich selber
abgespalten zu werden. Dazu möchte ich aus dem Brief eines Moderators
zitieren: "Ich bin sehr dankbar für die Erfahrung dieses
ersten Seminars. Ich habe in ganz neuer Weise erfahren dürfen,
welche tiefen seelischen Erfahrungen, aber auch Konflikte, jeder Psychoseerfahrene
durchzustehen hat. Gleichzeitig war es aber auch beglückend, von
den Teilnehmern zu hören, dass dies für alle die erste Möglichkeit
war, über diese Erfahrungen zu sprechen, die ihnen neuen Mut und
Zuversicht schenkte".(Zitatende) Der Erfahrungsaustausch mit
den Angehörigen lässt uns ihre Ängste und Schwierigkeiten
mit ihren betroffenen Kindern, Partnern, Elternteilen oder Geschwistern
nachvollziehen und besser verstehen. Umgekehrt ermutigen unsere Erfahrungen
die Angehörigen dazu, mit ihren betroffenen Familienmitgliedern
ins Gespräch zu kommen. Hier möchte ich abschließend
aus dem Brief der Mutter eines Betroffenen vom 28.11.94 zitieren. Sie
schreibt: "Ich war letzte Woche im Hamburger Psychose-Seminar
in der Uni-Klinik, und ich weiß nicht, ob ich je in einem großen
Gremium ( von ca. 70 Teilnehmern) so ein echtes Aufeinanderhören
und Offenheit der Aussagen gehört habe (nicht zu vergleichen mit
den oft etwas peinlichen Outings der im Fernsehen gezeigten Gruppen-sitzungen).
Da sprachen sicher 20 Leute aus einer für mich erschütternden
Unversehrtheit ihres Ichs über ihre Verrücktheit... Inzwischen
ist diese Richtung zu einer bundesweiten Bewegung geworden. Im Juni
gab es in Hamburg den Weltkongress der Sozialpsychiatrie mit über
3000 Teilnehmern aus aller Welt und ca. 500 Betroffenen, denen man freien
Raum gab; 3 Wochen später der Psychotherapie-Kongress unter strengem
Ausschluss der Laien." (Zitatende) In diesem XIV. Weltkongress
für Sozialpsychiatrie mit dem Thema: "Abschied von Babylon
- Verständigung über Grenzen in der Psychiatrie" setzten
wir den Trialog oder Erfahrungsaustausch fort. Unserem "Bundesverband
Psychiatrie-Erfahrener" wurde der amerikanische "Masserman
Foundation Prize for enhancing social relations between the groups"
zuerkannt. Wir hoffen, dass die bei uns in der Bundesrepublik fast ausschließlich
medizinisch-physiologische Forschung in der Psychiatrie mehr die Erfahrungen
der Betroffenen einbezieht. Denn der "gestörte Hirnstoffwechsel"
könnte ja auch die Folge der von so vielen Betroffenen als Ursache
ihrer Psychosen erlebten "gestauten Gefühle" sein. Und
wir hoffen, dass die Teilnahme an einem Psychose-Seminar bald zur psychiatrischen
Facharzt-Ausbildung gehören wird. Denn bisher nehmen nur wenige
Psychiater an einem Psychose-Seminar teil.
- Ende -
Wer ein Psychose-Seminar einrichten möchte und dazu weiteres Material
wünscht, kann dies anfordern bei:
Dr. THOMAS BOCK
Universitätskrankenhaus
Hamburg-Eppendorf
Martinistr. 52
20246 Hamburg Büchertipps:
Th. Bock, J.E. Deranders und I.Esterer
Stimmenreich - Mitteilungen über den Wahnsinn
Psychiatrie-Verlag, DM 24,80
Dorothea-Sophie Buck-Zerchin
Auf der Spur des Morgensterns - Psychose als Selbstfindung
Hans Krieger, 1990 List Verlag, DM 29,80 Unsere Selbsthilfegruppe arbeitet
zusammen mit dem Bundesverband Psychiatrie-Erfahrener (BPE)
Thomas-Mann-str. 49a
53 111 Bonn
Tel.0228 - 63 26 46 Der Druck dieser Broschüre wurde ermöglicht
durch den Sozialdienst Katholischer Männer SKM – Krefeld.
Wir bedanken uns beim SKM - Krefeld und der Angehörigengruppe der
Psychosozialen Hilfe (PSH Krefeld) für die freundliche Unterstützung
bei der Durchführung der Veranstaltung.
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