Liebe Freunde, nachdem ich Dorothea den Aufsatz des Psychiaters Dan Fisher (hier sein Text), zugeschickt habe, der wie sie von der Schizophrenie genesen ist, bekam ich von ihr die folgende Antwort, die ich euch nicht vorenthalten will:
Der kanadische Psychiater Dr. HELMUT MOHELSKY schrieb mir am 20.12.94: "Ich hatte die Gelegenheit, im Juni am XIV. Weltkongreß für Sozialpsychiatrie in Hamburg teilzunehmen. Ihr Beitrag hat mich sehr bewegt und ermutigte mich, über meine eigenen psychotischen Erlebnisse zu schreiben. Als Ausdruck meiner Dankbarkeit sende ich Ihnen eine Kopie meines gerade erschienenen Artikels." In seiner "Schlußfolgerung" heißt es: "Das subjektive Erleben während einer Psychose ist bedeutungsvoll, weil es uns etwas Wichtiges über uns mitteilt. Wir sollten diese fremdartigen Blüten unseres Geistes wie Geschenke behandeln, die wir mit uns herumtragen und mit denen wir arbeiten können. Wir sollten Sie zu Mosaikstücken in der Landschaft unseres Lebens werden lassen. Viele dieser subjektiven Erlebnisse und Erfahrungen geben sich nicht her für eine leichte Klassifizierung. Sie liegen in dem Reich zwischen der eindeutigen sog. Psychopathologie und dem, was für normal gehalten wird. Ein genauerer Blick auf diese Übergangsstadien des Geistes und auf die Kontexte, in denen sie auftreten, wird nicht nur unser Verständnis bereichern, sondern sollte auch die Behandlung inspirieren und die Art der benötigten Hilfen bestimmen. Es ist wichtig, Menschen zu ermutigen und zu unterstützen, ihre Psychosen zu erforschen, zu verstehen und Erklärungsmodelle über die Natur ihrer Erfahrung zu entwickeln. Das ist auf zweierlei Weise hilfreich. Einmal sagt es uns, wie diese Erfahrung zu verstehen ist. Ein personenorientiertes Verständnis ist wesentlich bei der Entwicklung wirkungsvoller Handlungsprogramme, die weiteres Wachstum und Entwicklung erleichtern. Zum anderen helfen persönliche Erklärungen und Modelle den Fachleuten und Forschern, aus einer anderen Perspektive zu lernen. Psychiatrische Lehrbücher sollten in Zusammenarbeit mit Psychiatrie- und Psychoseerfahrenen und ihren Angehörigen neu geschrieben werden. Das würde ein viel reicheres und menschlicheres Bild davon geben, was Psychiatrie sein kann und sein könnte. Interessantes Beispiel in dieser Richtung ist das `HandwerksBuch Psychiatrie´." (BOCK, WEIGAND 1992) Zitiert aus "The Person-Key to Understanding Mental Illness" (STRAUSS 1992), von ERIKA KLUGE ins Deutsche übersetzt. Das ist sprachlich so lebendig, dass man sich daran regelrecht freuen kann. Über die Tatsachen sowieso. Gruß Kalle Pehe, Krefeld
Dorothea-Sophie Buck-Zerchin: "Das Leiden am medizinischen Krankheitsmodell der (Gemeinde)-Psychiatrie" Vortrag beim REHA-Kongress am 5.Mai 2000 in Hamburg Eine Theorie erschafft eine krankmachende Wirklichkeit In der gesamten Medizin wird es keine Theorie geben, die sich so verhängnisvoll für uns ehemalige und heutige Psychiatrie-Betroffene auswirkte und auswirkt, wie das ,,medizinische Krankheitsmodell" der nicht seelisch, sondern erblich und körperlich - heute durch eine genetisch bedingte Hirnstoffwechselstörung - verursachten und daher sinnlosen und "unheilbaren" endogenen Psychosen, besonders der Schizophrenie. - weil es Gespräche über die Inhalte der Psychosen und ihre Sinnzusammenhänge mit den vorausgegangenen Lebenskrisen der Betroffenen verhindert, - weil es den Psychopharmaka höchsten therapeutischen Stellenwert einräumt, obwohl sie nur Symptome verdrängen, aber nicht heilen können, - weil es die Betroffenen des Sinnes ihrer besonderen seelischen Erfahrungen und damit ihrer Entwicklungsmöglichkeit beraubt, - weil es die Selbsthilfekräfte blockiert und die Betroffenen ent- statt ermutigt. Das "medizinische Krankheitsmodell" verleitet biologistisch orientierte Psychiater dazu, ihren PatientInnen zu erklären, daß sie an einer "unheilbaren Schizophrenie" leiden würden und darum ihr Leben lang Medikamente nehmen müßten. Diese entmutigende Aussicht: als "unheilbar Schizophrene" stig-matisiert lebenslang Gefühle und Initiative, reduzierende Medikamente nehmen zu müssen, hat schon viel zu viele in den Selbstmord getrieben, die mit diesem Stigma und dieser Reduzierung nicht länger leben wollten. Was man versteht.... ...braucht man nicht zu verdrängen. Diese heute wieder verstärkte biologistische Sicht erfordert einen Blick zurück auf die Psychiatrie von 1933-1945. Denn ebenso wie die heutige biologistische Psychiatrie mit ihrem ,,medizinischen Krankheitsmodell" darauf hofft, durch immer bessere Psychopharmaka und durch das in absehbarer Zeit gefundene Schizophrenie-Genom diese "in den Griff" zu bekommen, glaubten auch die damaligen Psychiater, die "Geisteskrankheiten", wie sie damals hießen, durch unsere Zwangssterilisationen und die Patientenmorde der sogenannten,"Euthanasie" aus der Welt schaffen zu können. Wenn aber heutige Psychiater die Hirnstoffwechselstörung als primäre Ursache der Psychosen bestimmen und ehrgeizige Wissenschaftler die für sie zuständigen Gene gefunden zu haben glauben, wissen wir nicht, ob außer einer pränatalen Diagnostik mit erwarteter Abtreibung auch wieder Sterilisationen gefordert werden. Auch damals gab es in anderen Ländern Alternativen zur völlig gesprächslosen deutschen Psychiatrie mit ihrem "medizinischen Krankheitsmodell" und ihrer Abwertung von uns Patienten als,"minderwertigen oder lebensunwerten Erbkranken". Zur selben Zeit der Zwangssterilisationen und der Patientenmorde durch unsere deutschen Psychiater führten Psychiater und Psychotherapeuten anderer Länder auch mit den sogenannten "chronischen Schizophrenen" psychotherapeutische Gespräche noch vor der Psychopharmaka-Ära.
ALEXANDER MITSCHERLICH schrieb darüber in seinen 1966 in edition suhrkamp erschienenen Studien "Krankheit als Konflikt" (Zitat): "Im Jahre 1951 gab der Direktor des Burghölzli (die Zürcher Universitätsklinik) MANFRED BLEULER (Sohn von EUGEN BLEULER) seinen inzwischen berühmt gewordenen Übersichtsbericht über die ´Forschungen und Begriffswandlungen in der Schizophrenielehre 1941 bis 1950´. Englisch-amerikanische, französische, italienische und deutschsprachige Veröffentlichungen fanden Berücksichtigung. Nicht weniger als 1.100 Arbeiten wurden referiert. Was ist nun das Ergebnis dieser sorgfältig erarbeiteten Übersicht? Es seien, in zwölf Punkte gegliedert, die im vorliegenden Zusammenhang interessierenden Tatbestände wortgetreu zitiert..." MITSCHERLICH fährt fort: ,,Der Überblick Bleulers hat gezeigt, daß die therapeutische Erschließung schwerer und chronischer Psychosen durch individuelle, intensive Psychotherapie als erfolgreich erwiesen ist, daß es uns aber noch an genauerer Kenntnis der spezifischen seelischen Verletzungen, des Verhältnisses von Konstitution und Milieu fehlt. Uns diese Kenntnis zu verschaffen, ist ohne Zweifel die Aufgabe der Grundlagenforschung, also der Universitäten. Ist hierzu in unserem Lande etwas geschehen, etwas, was sich im Umfange der Versuche, an forscherischer Geduld, an Freiheit, die man für solche Untersuchungen braucht, mit den Anstrengungen, die man in der Schweiz, Frankreich, Amerika macht, vergleichen ließe? Mit verschwindenden und (ruhmreichen) Ausnahmen: nein. Es würde zu weit führen, die Haltung der deutschen Psychiatrie aus ihrer großen Vergangenheit, vielleicht mehr noch aus dem eigentümlichen Verhältnis, das in unserem Lande zwischen Autorität, die vom Amt abgeleitet wird, und Selbstunsicherheit, Intoleranz und Mißbrauch der Autorität besteht, zu erklären. Fest steht die Tatsache, daß wir den Anschluß an einen großen Forschungsversuch bisher nicht gefunden haben, daß kaum Grundlagenforschung betrieben werden darf (weil sie auf das Veto der Autorität trifft), daß deshalb breite Erfahrungsgrundlagen fehlen und es gerade deswegen niemand wagt, den Behörden gegenüber eine grundlegende Reform des Anstaltswesens zu fordern." (Soweit das Zitat von Alexander MITSCHERLICH 1966) Daß jene Psychiatrieprofessoren eine Grundlagenforschung ablehnten, die ihren Irrtum der ,,unheilbaren Schizophrenie" und seine Folgen in den psychiatrischen Ausrottungsmaßnahmen, der Zwangssterilisationen und den Patientenmorden von 1933-45 hätte erkennen lassen, ist verständlich. Dieser Entwicklungsrückstand unserer deutschen Psychiatrie gegenüber den Psychiatrien der genannten Länder ist wohl bis heute nicht aufgeholt worden. Die deutsche, völlig gesprächslose nosologische Psychiatrie von EMIL KRAEPELIN hat sich als gesprächsarme Psychiatrie bis heute fortgesetzt. Nach einer Umfrage unseres "Bundesverbandes Psychiatrie-Erfahrener" von 1995 haben nur 10 % der Befragten erlebt, daß auf die ursächlichen Probleme, die zur Anstaltsaufnahme geführt hatten, eingegangen worden war. (In den "Sozialpsychiatrischen Informationen", Heft 4/95). Der Leiter einer großen psychiatrischen Anstalt schrieb mir nach dem Erscheinen meines Schizophrenie- und Heilungsberichtes ,,Auf der Spur des Morgensterns - Psychose als Selbstfindung" unter dem Anagramm von ,,Schizophrenie" = Sophie Zerchin 1990: "Ich weiß, wie schlimm es für alle Patienten war, daß wir als Ärzte bis in die Anfänge der 70er Jahre gelernt haben, mit psychisch Kranken möglichst nicht persönlich zu sprechen, ihre psychotischen Erlebnisse als nicht nachvollziehbar einzustufen. Sich nicht ernst genommen fühlen, hängen gelassen werden mit Ängsten und Erlebnissen, die einen überschütten, abgespeist werden mit Unverbindlichkeiten und Medikamenten - das alles ist über lange Zeit psychiatrischer Alltag gewesen."
Lehren aus der Vergangenheit Wie die Umfrage in unserem Bundesverband ergab, war das 1995 in vielen deutschen Psychiatrien immer noch "psychiatrischer Alltag". Um diese gesprächslose oder immer noch gesprächsarme Psychiatrie in eine auf den Erfahrungen der Betroffenen gründende empirische Psychiatrie zu verändern, begannen wir vor 10 1/2 Jahren mit unserem ersten gleichberechtigten Erfahrungsaustausch zwischen psychose- und depressionserfahrenen Menschen, Angehörigen und Fachleuten in unseren inzwischen weit über 100 Psychose-Seminaren in der Bundesrepublik und im benachbarten Ausland, mit dem TRIAL0G. Hier konnten die Betroffenen zum ersten Mal über ihr Psychoseerleben sprechen, ohne eine Medikamentenerhöhung wie in den Psychiatrien befürchten zu müssen. Eigentlich müßte es selbstverständlich sein, von den Erfahrungen der Betroffenen auszugehen, sie zu erfragen und ernst zu nehmen. In der psychosomatischen Medizin ist das selbstverständlich. Hier dürfen gerade Körperkrankheiten wie Magengeschwüre seelisch verursacht sein. Seelische Störungen dürfen das nach dem ,,medizinischen Krankheitsmodell" nicht. Warum sie das nicht dürfen, lesen wir in BETTINA KROLL´s Studie "Mit Soteria auf Reformkurs - Ein Alternativprojekt bewegt die Akut-Psychiatrie" von 1998 im Jakob van Hoddis-Verlag. Sie zitiert hier die namhaften amerikanischen Psychiater LOREN MOSHER und ALMA MENN, die Begründer der ersten SOTERIA in Florida über die (Zitat): ,,Vier Hindernisse auf dem Weg zur heilungsfördernden klinischen Situation. Das erste Hindernis ist: Das medizinische Krank-heitsmodell. Da sich die Psychiatrie um die volle Anerkennung als Teildisziplin der Medizin bemühe, dominiere hier das medizinische Krankheitsmodell. Dies statte den Arzt im Vergleich zu den anderen Berufsgruppen mit unverhältnismäßig viel Autorität und Verantwortung aus und räume zugleich den Psychopharmaka höchsten therapeutischen Stellenwert ein. Die Patienten würden dabei nicht als Menschen, sondern in erster Linie als Leidende mit Behinderungen und Fehlfunktionen wahrgenommen, deren Erkrankung es in Form einer Diagnose zu etikettieren gilt. Die Folge davon sei eine Verobjektivierung und Stigmatisierung dieser Menschen die in Zukunft als psychisch krank gelten." (Zitatende) Während der Magenspezialist eine durch seelischen Streß angegriffene Magenwand selbstverständlich akzeptiert, fühlt sich der biologistische Psychiater in seiner Kompetenz bedroht, wenn er eine seelisch verursachte Hirnstoffwechselstörung akzeptieren würde. Darum beklagen sich Mitglieder unseres Bundesverbandes und der Landesverbände und unserer Selbsthilfegruppen immer wieder darüber, daß sie nach den ihren Psychosen vorausgegangenen Lebenskrisen von den Psychiatern gar nicht gefragt worden seien. LOREN MOSHER setzte als Alternative zu dieser die Patienten abwertenden pathologisierenden und ihre Defizite statt ihre Stärken betonenden biologistischen psychiatrischen Sichtweise sein SOTERIA-Modell, das die Entwicklungs- und Reifungsmöglichkeiten durch die Schizophrenie erkennt. Dazu müssen die Betroffenen aber angehört und ernst genommen werden, damit die Psychiater ihre Psychosen als Heilungsversuch vorausgegangener Lebenskrisen erkennen können, wie ja auch Körperkrankheiten Heilungsversuche, Selbstregulationen sind. In der Bundesrepublik wurde SOTERIA in Zwiefalten verwirklicht. Das von unserem "Bundesverband Psychiatrie-Erfahrener" als in jeder Akutstation mögliche empfohlene Modell des ,,Hermann-Simon-Haus II" in Gütersloh, das von den Oberärzten Dr. Theiß Urban und Frau Dr. Iris Jiko mit ihrem engagierten Team vor Jahren aufgebaut wurde, ist zu unserem großen Bedauern offenbar durch einen von Münster erzwungenen Leitungswechsel im Umbruch. Daß diese Akutstation mit normaler sektorisierter Regelversorgung die wichtigsten SOTERIA-Elemente integrierte: nämlich von den Bedürfnissen der Patienten auszugehen, statt von den Bedürfnissen der Ärzte, der Institutionen oder der Träger, war uns ein so ermutigendes Vorbild für alle Akutstationen ohne Mehrkosten. Hier in Hamburg setzen wir unsere Hoffnung auf die psychiatrische und psychotherapeutische Abteilung von Professor MICHAEL STARK in Rissen. Er und sein Team bezogen uns Psychose- und Psychiatrieerfahrene von vornherein in die Konzepterarbeitung ein. Auf zwei der drei Stationen mit 56 Patientlnnen bildeten sich bereits Selbsthilfegruppen. Daß die Selbsthilfe der Betroffenen schon in der Klinik so gefördert wird, läßt das Miteinander der Profis mit den Betroffenen erkennen. Diese Abteilung im Krankenhaus der DRK-Schwesternschaft wurde im August letzten Jahres eröffnet.
Selbst die biologistische Psychiatrie akzeptiert, daß auch die besten Psychopharmaka nur Symptome verdrängen, aber nicht heilen können. Das ,,medizinische Krankheitsmodell" hat darum auch keine andere, als eine die Symptome nur verdrängende Zukunft. Trotzdem gehen 90% der öffentlichen Forschungsgelder für die Psychiatrie in die medizinisch-physiologische Forschung. Unser "Bundesverband Psychiatrie-Erfahrener" hat darum ein eigenes Forschungsprojekt "Psychose und Depressions-Erfahrene erforschen sich selbst" initiiert mit psychoseerfahrenen Diplompsychologen, die die Fragen formulierten und die Antworten auswerten. Uns fehlt zwar jeder finanzielle Zuschuß, aber dafür beteiligen sich lauter Experten ihrer eigenen Psychosen und Depressionen. Obwohl alle am Projekt Beteiligten - und nicht nur sie - die seelischen Ursachen ihrer Psychosen z.B. als gestaute Gefühle und Impulse erlebten, die in den Psychosen aufbrechen können, bezweifelt wohl niemand von uns, daß sie auch eine Veränderung im Gehirn bewirken. Wie z.B. der Zorn das Gehirn dazu alarmiert, uns die Zornesröte in Gesicht zu treiben und heftig zu gestikulieren. Aber das sind die Folgen, nicht die Ursache des Zorns. Längst hat auch die Physik das materialistische Menschenbild im ,,medizinischen Krankheitsmodell" widerlegt.
Hat man aber wie ich vor über 40 Jahren die zur Heilung notwendigen Einsichten nach 5 schizophrenen Schüben von 1936-1959 gefunden und seine Psychose ins normale Leben integriert, statt verdrängt, darf es keine Schizophrenie gewesen sein, weil das "medizinische Krankheitsmodell" keine Heilung zuläßt. So erklärte mir Herr Professor Bach aus Dresden beim XIV. Weltkongreß für Soziale Psychiatrie hier im Saal 2 im Jahre 1994, daß ich keine Schizophrenie gehabt haben könne, denn sonst könnte ich nicht hier vorne stehen und ein Referat über die Schizophrenie halten, wie ich es damals tat. Statt die aus eigener Kraft Geheilten zu fragen, was ihnen geholfen hat und unsere Psychose-Seminare zu besuchen, wird lieber die nur medikamentös verdrängte, aber nicht heilbare Schizophrenie vertreten, zur schweren Belastung der Betroffenen und ihrer Angehörigen. Auch wer heute von einer Schizophrenie geheilt sein will, muß die zur Heilung notwendigen Einsichten in der Regel immer noch selber finden.
Nach meinem nächsten, fünften und letzten Schub 13 Jahre später - 1959 - fiel mir auf, daß seit dem Aufbruch meiner Psychose Monate zuvor meine Nachtträume ausgesetzt hatten, die ich morgens vielleicht nur vergessen hatte. Ich konnte mir das nur so erklären, daß meine psychotischen Vorstellungen an die Stelle meiner Nachtträume getreten waren. Nachdem die Psychose meiner Mitpatientin 13 Jahre zuvor aus ihrem Nachttraum mit der französisch klingenden Sprache aufgebrochen war, schloß ich bei mir auf dieselbe Quelle von Traum und Psychose im eigenen Unbewußten. Ich folgerte weiter: Ebenso wenig wie der Traum "geisteskrank" ist, kann es die psychotische Vorstellung sein. Unsere ,,Krankheit" kann nur darin liegen, daß wir unsere Psychoseerfahrungen für wirklich halten, was wir im Traum nur tun, so lange wir ihn träumen. Verstand ich die Vorstellungen meiner abgeklungenen Psychose auf der "Traumebene", konnte ich mir ihren SINN erhalten, nur ihre Wirklichkeit nicht. Dieses Verstehen der Psychose als Aufbruch 'des eigenen Unbewußten' um eine vorausgegangene Lebenskrise zu lösen, die wir mit unseren bewußten Kräften nicht lösen konnten, befreite mich von der uns wohl alle schwer belastenden psychiatrischen Bestimmung der Schizophrenie als einer nicht seelisch, sondern heute durch eine genetisch bedingte Hirnstoffwechselstörung verursachten "endogenen Psychose". In meinen fünf Psychosen in fünf verschiedenen Psychiatrien - unter ihnen die Frankfurter Universitätspsychiatrie -, hatte ich nicht ein einziges psychiatrisches Gespräch über die Vorgeschichte meiner Psychosen und ihre Sinnzusammenhänge mit meinen Psychoseinhalten erlebt. Ohne ein Gespräch konnten unsere damaligen Psychiater und können ihre heutigen Kollegen auch nichts über die seelischen Ursachen unserer Psychosen wissen.
Der vorausgegangene unlösbare Konflikt, die Belastung oder der emotionale Streß, wie es heute heißt, erfordern eine Befreiung aus der eigenen bewußten Verantwortung. Wir sind es nicht mehr selbst, die denken und handeln, sondern wir erleben unsere Gedanken und Impulse als von außen "eingegeben". Wir lassen uns denken und handeln. Wir können diesen Entschluß: Nicht mehr aus eigenem Willen zu leben, auch bewußt fassen. Als ich zu Beginn meiner ersten Psychose 1936 zum ersten Mal den Aufbruch mir bis dahin unbekannter treibender Impulse erlebte, beschloß ich: Mein Wille ist, nicht mehr zu wollen, sondern mich von Dir führen zu lassen. Denn ich hatte keine andere Erklärung für sie als das Pauluswort: "Die der Geist Gottes treibt, die sind Gottes Kinder." Dann entfallen die Ängste, die das nicht mehr selbstbestimmte Denken und Handeln machen können. Wenn man aber weiß, daß die uns in der Psychose überwältigenden Erfahrungen nicht von außen, von Gott oder anderen Mächten oder Menschen ,"eingegeben" sind, sondern aus unserem eigenen normalerweise Unbewußten aufbrachen, können wir sie auch kritischer hinterfragen, als wir es bei ,"Eingebungen" wagen würden. Das Wort "Eingebung" zeigt, daß auch der Normale dieses Gefühl kennt: Das kommt nicht aus mir selbst, das ist "eingegeben", weil es sich vom normalen Denken völlig unterscheidet. Die enge Verwandtschaft zwischen Traum und Psychose erkennen wir auch an dem in der Psychose häufig veränderten normalen Denken und Handeln in ein symbolisches Denken und Handeln. Daß dieses Symboldenken und Symbolhandeln für uns so glaubwürdig sein kann, wie das im normalen Zustand nicht wäre, liegt auch an dem in der Psychose veränderten Weltgefühl sonst nicht gespürter Sinnzusammenhänge. Aus diesem Gefühl, das alles miteinander in Beziehung steht, daß es nichts Zufälliges gibt, resultieren auch die der Psychiatrie bekannten "Beziehungs- und Bedeutungsideen" und das ,"Nicht mehr Unterscheiden von Wesentlichem und Unwesentlichem". Wenn alles eine symbolische Bedeutung hat, Gleichnis für etwas ist, unterscheidet man Wesentliches und Unwesentliches nicht mehr voneinander, weil es nichts Unwesentliches mehr gibt. Dieses veränderte Weltgefühl der Sinnzusammenhänge verführt sehr leicht dazu, nicht sich auf das Ganze, sondern das Ganze auf sich zu beziehen. Viele Pychoseerfahrene kennen dieses mehr oder weniger stark veränderte Weltgefühl sonst nicht gespürter Sinnzusammenhänge, das dem magischen Weltgefühl unserer frühen Vorfahren ähnlich sein könnte. Auch in unseren Nachtträumen assoziieren wir Elemente, die wir im Wachdenken auseinanderhalten würden. Eine weitere Parallele zwischen Traum und Psychose sind die in der Schizophrenie häufigen Identifikationen mit anderen Personen oder Symbolen, z.B. mit Christus, Braut Christi, Maria und anderen, von denen wir überwältigt wurden, oder heutige Betroffene überwältigt werden. In meiner ersten geschlossenen Station 1936 waren wir gleich drei Bräute Christi. Als mich diese Vorstellung zu Hause überwältigt hatte, war ich nach dem ersten Schrecken wie befreit. Denn ich hatte mich zuvor Wochen lang vergeblich um eine Beziehung zu Jesus bemüht. Nun stellte ich mir vor, wie Jesus sich mit mir als seiner Braut langweilen würde, wenn ich durch die Überwindung meiner Natur ihm nachzueifern versuchte. Mir wurde daran klar, daß ich nur ich selbst zu werden brauchte. Diese häufigen Identifikationen auch mit Jesus können uns lehren, daß jeder von uns sich ebenso wie Jesus als Gottes Kind erkennen und seine eigene Natur entwickeln soll. Auch aus unseren Nachtträumen kennen wir Identifikationen. Denn die in unseren Träumen auftretenden und handelnden Personen meinen uns häufig selbst. Sie sind ein Teil von uns, obwohl sie unter einer anderen Identität auftreten.
Abschließend möchte ich an die Betroffenen appellieren: sich nicht durch das ,"medizinische Krankheitsmodell" der nur medikamentös zu verdrängenden, aber nicht heilbaren "endogenen Psychosen" entmutigen und stigmatisieren zu lassen. Es gibt genügend Psychiater und Psychotherapeuten, die das anders sehen. Und es gibt unsere Selbsthilfegruppen, unsere Landesverbände und unseren ,,Bundesverband Psychiatrie-Erfahrener". Hier sprechen wir Experten in eigener Sache über das, was den Einzelnen geholfen hat und was man selber tun kann. --- Dieser Text wird verteilt durch: "Mut zum Anderssein" Selbsthilfegruppe für seelische Gesundheit Krefeld
"Gewohnheiten und Vorurteile sind die hauptsächlichen Schranken unseres Welterlebens, nicht die Gene." Kalle Pehe
Unsere Selbsthilfegruppe gibt es seit nunmehr 11 Jahren. Wir treffen uns vierzehntägig montags von 19.30Uhr - 21.30 Uhr im Kolpinghaus, Dyonisiusstr.16-20 Kontakt: Kalle Pehe Von-Steuben-Str.30, 47803 Krefeld Tel/Fax 02151 / 87 58 04
Dorothea-Sophie Buck-Zerchin Verleugnet - Vergessen Eröffnungsrede zur Einweihung des Mahnmals für die in Bethel von 1934 bis 1945 zwangssterilisierten Menschen
Am 18. Juni 2000 wurde auf Initiative des Arbeitskreises Trialog" in Bethel ein Mahnmal zum Gedenken an die Opfer der dort in der NS-Zeit zwangssterilisierten Menschen eingeweiht. Die Autorin kennt die Kollaboration der Betheler Anstalten mit dem NS-Regime und deren aktive Mitwirkung an der Durchführung des Erbgesundheitsgesetzes aus eigener leidvoller Erfahrung. Als Kinder aßen wir für Bethel Schwarzbrot. Einen halben Pfennig bekamen wir für jede verzehrte Schnitte, weil sie gesünder als Graubrot sei. Den Erlös schickte mein Vater für meine jüngere Schwester und mich an Pastor Fritz von Bodelschwingh. In einem reizenden Brief dankte er uns für's Schwarzbrotessen. Bethel wurde in unserem Elternhaus, einem Pfarrhaus, als Inbegriff der christlichen Nächstenliebe verehrt. Wir Kinder lasen den Boten von Bethel" mit seinen anrührenden Geschichten über die kranken Kinder voller Anteilnahme. Sogar bei der Einweihung unseres von meinem Vater gezimmerten Kindergartenhauses wollte ich den Boten von Bethel" vorlesen. Mein älterer Bruder protestierte. Unfrommes Biest!" beschimpfte ich ihn. Als ich mit gerade 19 Jahren selbst 11 Wochen Patientin der geschlossenen Unruhigen Station" von Haus Magdala" in Bethel war, einem Haus für Nerven- und Gemütsleiden", wie es damals hieß, erlebte ich Bethel ganz anders als wir es im Boten von Bethel" gelesen hatten. Dieses Bethel löste so tiefe Ängste in mir aus, wie ich sie nie zuvor und seither erlebte. Am meisten ängstigte mich, dass niemand mit uns sprach. In meiner neunmonatigen Zeit in diesem Haus erlebte ich nicht ein einziges Gespräch der Ärzte und Hauspfarrer mit mir. Der Chefarzt kam jeden Morgen mit den Assistenzärzten und der Hausmutter. Er gab uns die Hand und sagte Guten Morgen", aber er sprach nicht mit uns. Als Schüler von Emil Kraepelin beobachtete er nur unsere Symptome. Auch miteinander sollten wir Patientinnen dieser Station nicht sprechen. Unsere beiden Hauspfarrer sprachen ebenfalls nicht mit uns. Sie gingen von Bett zu Bett, ergriffen die Hand der darin liegenden Patientin und sprachen einen Bibelvers, ohne ein persönliches Wort an uns zu richten. Tiefer kann ein Mensch nicht entwertet werden, als ihn keines Gespräches für wert oder fähig zu halten.
An der hellgrünen Wand mir gegenüber stand in großer Schrift das Jesuswort Kommet her zu mir, alle, die ihr mühselig und beladen seid. Ich will euch erquicken!" Erquicken nicht mit einem freundlichen Wort, um unsere Angst vor der ungewohnten Einsperrung zu nehmen, oder durch ein Aufnahmegespräch, das es hier nicht gab. Erquicken nicht mit einer Beschäftigung, sondern erquicken" mit den hier üblichen Kaltwasserkopfgüssen; Dauerbädern, in denen ich unter einer über die Wanne gespannten Segeltuchplane 23 Stunden von einer Visite zur nächsten lag. Mein Hals war in einem steifen Stehkragen eingeschlossen. Erquicken" mit der gefürchteten nassen Packung", in kalte, nasse Tücher so fest eingebunden, dass man sich nicht mehr bewegen konnte. Die Tücher wurden durch die Körperwärme erst warm, dann heiß. Ich schrie vor Empörung über diese unsinnige Fesselung in den heißen Tüchern. Dass Bethel das Vernünfige und Natürliche wie Gespräche und Beschäftigung durch diese quälenden Beruhigungsmaßnahmen mit ausschließlichem Strafcharakter ersetzte und das unter dem Jesuswort, fand ich so unheimlich, dass ich allen Ernstes glaubte, hier dem Teufel, den Jesus als den Vater der Lüge" bezeichnet hatte, ausgeliefert zu sein.
Zwangssterilisation oder 25 Jahre Anstalt... Als ich die Stationsschwester nach den Narben meiner jungen Mitpatientinnen in der Mitte über der Scheide befragte, erklärte sie mir diese als Blinddarmnarben". Hatte man uns auch darin zu Hause belogen, dass der Blinddarm seitlich säße? Bethel als Stadt der Barmherzigkeit", als Gottes Stadt", konnte hier nur eine Lüge sein. Ich sang gegen meine tiefen Ängste an Und wenn die Welt voll Teufel wär und wollt uns gar verschlingen, so fürchten wir uns nicht so sehr, es soll uns doch gelingen..." Dieses Verschweigen nicht nur der Sterilisationsnarben, sondern auch, dass die Operation, der ich unterzogen wurde, eine Sterilisation sein, war hier offenbar üblich, obwohl das Erbgesundheitsgesetz vorschrieb, dass die Sterilisandin von den Ärzten aufgeklärt werden müsste. Meine Mutter war bei ihrem Besuch in Haus Magdala" vor die Wahl gestellt worden, entweder meiner Sterilisation zuzustimmen oder mich bis zu meinem 45. Lebensjahr in der Anstalt zu lassen. Mit 19 Jahren war man damals noch nicht mündig.- Das ist ja noch viel schlimmer!" Erschrocken stimmte sie zu. Das erzählte sie mir viele Jahre später. Auch nach der Operation erfuhr ich nicht von einem Arzt oder einer Schwester, was gemacht worden war, sondern von einer Mitpatientin, einer Diakonisse, die nach einem Autounfall im Haus lebte. Verzweifelt ließ ich mir die Haare abschneiden. Ich fühlte mich nicht mehr als volle Frau. Wenigstens die Haare wollte ich noch wachsen sehen, wenn meine Entwicklung nun stillstand. Als minderwertige Geisteskranke" hatte Bethel mich ohne ein einziges Gespräch zwangssterilisiert. Ich wusste, dass ich nicht mehr heiraten durfte, weil Ehen zwischen Zwangssterilisierten und Nicht-Sterilisierten verboten waren. Dass ich meinen lang vorbereiteten Wunschberuf der Kindergärtnerin nicht mehr erlernen durfte, überhaupt keinen sozialen Beruf.
Bethel setzt Erbgesundheitsgesetz" mit Härte durch In der Dokumentation zweier Ärzte der Bremer Gesundheitsbehörde von 1984 Zwangssterilisiert - Verleugnet - Vergessen" heißt es über die Zwangssterilisation in Bethel: In den Anstalten der Inneren Mission, so auch in Bethel, wo Villinger in den ersten Jahren des Faschismus als ärztlicher Direktor arbeitete, war das Gesetz mit besonderer Härte durchgesetzt worden. Die Leitung der Inneren Mission hatte sich frühzeitig für ein Sterilisationsgesetz ausgesprochen. In Bethel wurden 1934 insgesamt 3069 Patienten betreut. Ende 1934 waren bereits 1970 Sterilisationsanzeigen erfolgt., davon allein 1775 bei solchen Patienten, die als dauernd anstaltsbedürftig eingestuft worden waren. Der Anstaltsarzt legte 1934 in 15 Fällen Einspruch gegen einen ablehnenden Bescheid des Erbgesundheitsgerichtes ein, in 14 Fällen ordnete dann das Obergericht die Unfruchtbarmachung an. Im selben Jahr verübten dort zwei Kranke nach dem Sterilisierungsbeschluss Selbstmord..." (Dr. med. N. Schmacke und Dr. med. H.-G. Güse) Mit dem frühzeitigen Ausspruch der Leitung der Inneren Mission für ein Sterilisierungsgesetz werden die Autoren die Fachkonferenz für Eugenik in Treysa vom 18. bis 20. Mai 1931 - schon zwei Jahre vor dem NS-Regime 1933 gemeint haben. An dieser Konferenz hatten neun theologische Anstaltsleiter, unter ihnen Pastor Fritz von Bodelschwingh und sieben leitende Ärzte teilgenommen. Außer dem Sterilisationsgesetz forderten sie die Verabschiedung des Bewahrungsgesetzes zur Asylierung behinderter Menschen. Weiter heißt es im Treysaer Protokoll: Zur Vereinfachung und Verbilligung der fürsorgerischen Maßnahmen für Minderwertige und Asoziale' beschlossen sie, die wohlfahrtspflegerischen Leistungen auf menschenwürdige Versorgung und Bewahrung zu begrenzen' für alle, die voraussichtlich ihre volle Leistungsfähigkeit' nicht wieder erlangen." Diese beschlossene bloße Verwahrung ohne eine Beschäftigung und Abwechslung, wie ich sie 1936 in Bethel erlebte, bezeichnen sie im Protokoll als differenzierte Fürsorge", die geforderte Sterilisierung als einen Akt der Nächstenliebe', während sie die Patienten als Minderwertige und Asoziale"; abwerteten. Als 2 Jahre später, am 14. Juli 1933 das Erbgesundheitsgesetz erlassen wurde, hieß es in einer Verordnung zur Ausführung des Gesetzes zur Verhütung erbkranken Nachwuchses" vom Dezember 1933: Der Antrag soll nicht gestellt werden, wenn der Erbkranke... wegen Anstaltsbedürftigkeit in einer geschlossenen Anstalt dauernd verwahrt wird." Zwangssterilisiert wurden dagegen diejenigen, die aus den Anstalten wieder nach Hause oder ins Arbeitsleben entlassen wurden, in Anstaltsbetrieben arbeiteten oder Ausgeherlaubnis hatten. In Bethel waren das die hier genannten 1176 Menschen. Die Leiden der ohne eine Beschäftigung in geschlossenen Häusern und Stationen nur menschenwürdig Verwahrten", die zwar nicht sterilisiert wurden, aber auf diese Weise verkümmern mussten, mag man sich erst recht nicht vorstellen. Dabei hatte nur 20km von Bethel entfernt Dr. Hermann Simon seit 1923 in Gütersloh die Arbeits- und Beschäftigungstherapie für alle Patienten - auch der geschlossenen Abteilung - mit vollem Erfolg eingeführt. Ich erlebte sie 1946 in Gütersloh drei Monate lang; und wieviel leichter die Arbeit auch für die Schwestern dort war, die keine untätig verwahrten und darum unruhigen Patientinnen zu beruhigen hatten, weil wir alle arbeiteten.
Friedrich von Bodelschwingh: Hoffnung auf Entschädigung krankheitsbedingt" Die beiden Ärzte der Bremer Gesundheitsbehörde zitieren in ihrer Dokumentation (s.o.) auch die Stellungnahme des späteren Nachfolgers von Pastor Fritz von Bodelschwingh, seines Neffen Pastor Friedrich von Bodelschwingh. 1965 hatte der Wiedergutmachungsausschuss des Deutschen Bundestages ihn als Experten für eine Wiedergutmachung auch an den Zwangssterilisierten hinzugezogen. Vermutlich nahm man an, dass er die Interessen der Zwangssterilisierten vertreten werde und wusste wohl nicht, dass Bethel und die Innere Mission sich schon 1931 für ein Sterilisierungsgesetz ausgesprochen hatten. Pastor Friedrich von Bodelschwinghs Stellungnahme am 21. Januar 1965 wird im Protokoll des Wiedergutmachungsausschusses folgendermaßen zitiert: Gäbe man den Sterilisierten selbst einen Entschädigungsanspruch, so werde nur Unruhe und neues schweres Leid über diese Menschen gebracht, die diese Dinge nicht übersehen können und in denen sich nunmehr - krankheitsbedingt - die Vorstellung festsetzte, sie müssten auf jeden Fall entschädigt werden." Um unser damaliges Leid hatten sich Bethels Ärzte und Hauspfarrer mit keinem Wort gekümmert. Offenbar hatte auch Pastor Friedrich v. Bodelschwingh ebenso wie seine Vorgänger nie mit einem in Bethel zwangssterilisierten Bewohner gesprochen. Sonst hätte er unsere Hoffnung auf eine Rehabilitierung durch eine Entschädigung nicht als krankheitsbedingt" abwerten können. Dass ein einzelner Mensch, dazu ein Pastor v.Bodelschwingh die Hoffnungen von 1965 sicher noch lebenden 25O.000 bis 300.000 Zwangsterilisierten zunichte machen konnte, offenbart die Fragwürdigkeit einer Anstaltshierarchie, in der die Betroffenen nicht gehört wurden. Vier Jahre zuvor - 1961 - war Dr. Richard Wilmanns, unter dessen einheitlicher Verantwortung die Sterilisationen in Bethel durchgeführt worden waren, im Richard-Wilmanns-Weg" geehrt worden. In Bethel hat man sich bei den rigorosen Zwangssterilisationen ohne ein Gespräch mit uns auch nicht vergegenwärtigt, dass allen als erbkrank" Zwangssterilisierten der Besuch einer weiterführenden Schule oder auch nur höheren Schule durch Runderlass vom 22. März 1935 verboten war. In unserem Bund der Euthanasie'-Geschädigten und Zwangssterilisierten" mit anfangs 1000 Mitgliedern, von denen seit der Gründung (1987) 235 Mitglieder gestorben sind, war ich die Einzige, die 1942 eine weiterführende Schule, die Städel-Kunsthochschule in Frankfurt am Main besuchen konnte. Und das wohl auch nur, weil ich bei der ärztlichen Untersuchung die Frage nach vorausgegangenen Operationen verneint hatte. Zwangssterilisierten Mitbürgerinnen blieb also nicht nur die Ehe mit nicht sterilisierten Partnern, sondern auch eine qualifizierte berufliche Existenz versagt, trotz gleicher Verpflichtungen, z.B. Dienstverpflichtungen während des Krieges. Ohne eine weiterbildende Schule, z.B. Berufsschule, waren sie in ihrer Existenz schwer benachteiligt. Von den seelischen Folgen, lebenslang als minderwertig" abgestempelt worden zu sein, ganz zu schweigen.
Das Schweigen brechen! Es ist Prof. Klaus Dörner zu danken, seinerzeit Klinikchef in Gütersloh, dass er ab Januar 1984 in einer Briefaktion den Bundespräsidenten, Bundeskanzler, die Fraktionsvorsitzenden aller Parteien, die evangelische und katholische Kirchenleitung, die Wohlfahrtsverbände und viele andere - auch die Bethelleitung - von der Notwendigkeit einer Rehabilitierung der zwangssterilisierten und der die Euthanasie"-Anstalten überlebenden sowie der ermordeten Opfer der NS-Psychiatrie überzeugen konnte. Nach einer Anhörung der vergessenen NS-Opfer im Innenausschuss des Deutschen Bundestages am 24. Juni 1987 erhalten die Zwangssterilisierten ab 1990 eine monatliche Beihilfe von 100 DM, wenn sie ab 1981 eine einmalige Zahlung von 5000 DM beantragt und erhalten hatten unter der Bedingung, dass sie eine Vereinbarung mit der Bundesregierung" unterschrieben hatten, dass mit dieser Einmalzahlung von 5000 DM alle Ansprüche aus der Zwangssterilisierung abgegolten sind". Seit Mitte des Jahres 1998 wurden die 100 DM auf 120 DM erhöht. Von den 350 bis 400.000 zwangssterilisierten Menschen beantragten nur 13.000 eine Beihilfe. Viel mehr lebten zu dieser Zeit auch gar nicht mehr, obwohl es heute noch Betroffene gibt, die von dieser Möglichkeit nichts wissen. In den Medien wurde kaum informiert. Erst eine bundesweite Unterschriftenaktion von 1994 trug zur Aufhebung der Sterilisationsbeschlüsse im August 1998 bei. Die Euthanasie"-Geschädigten erhielten dagegen nur eine Einmalzahlung, und auch nur dann, wenn sie sich in einer Notlage befanden. Von den 200 Euthanasie"-Geschädigten unseres Bundes erhielten nur sieben Mitglieder diese Einmalzahlung. Ohne ein Gespräch konnten Bethels Ärzte und Pfarrer auch nichts über unsere Psychoseinhalte und ihre Sinnzusammenhänge mit vorausgegangenen Konflikten, mit unserer Lebensgeschichte wissen. Wenn aber nicht einmal Bethels Pfarrer mit uns sprachen, konnte man dieses Wissen auch von den Gemeindepfarrern und Bischöfen nicht erwarten. Darum waren das Schweigen der evangelischen Kirchenleitungen zu den Morden an den Bewohnern ihrer eigenen kirchlichen Einrichtungen und die jahrelangen nur theologischen Gutachten zur Euthanasie" durch die Theologen der bekennenden Kirche", ohne die von Mord bedrohten Menschen ihrer Einrichtungen aufzusuchen und aus dieser Begegnung ihr Gewissen zu befragen, auch eine Folge ihrer fehlenden Kenntnis. Auch die heutigen Psychose- und Depressionserfahrenen in unserem 1992 gegründeten Bundesverband Psychiatrie-Erfahrener" bedauern die Unkenntnis vieler Theologen. Dabei braucht es nicht zu bleiben. Da in der Psychose Inhalte unserer eigenen unbewussten Seele ins Bewusstsein einbrechen, um vorausgegangene seelische Konflikte oder Belastungen zu lösen, die wir mit unseren bewussten Kräften nicht lösen konnten, liegt es nahe, dass aus der Tiefe dieses normalerweise Unbewussten auch religiöse Erfahrungen sogar bei Menschen aufbrechen, die nie zuvor mit Religion zu tun hatten. Wie sehr wünschen wir uns Einsichten der Theologen, wie sie der Klinikseelsorger in der Psychiatrischen Klinik Heiligenhafen/Ostsee Ronald Mundhenk in seiner Dissertation im Fachbereich Evangelische Theologie Sein wie Gott - Aspekte des Religiösen im schizophrenen Erleben und Denken" im Paranus-Verlag 1999 herausgab. Seine Arbeit wurde ermöglicht durch unzählige Gespräche mit psychisch kranken' Menschen, die mir ihr Vertrauen schenkten". Zitat: Könnte es sein, dass Schizophrene manchmal die vom christlichen Glauben eigentlich begabten Menschen sind?" Und an anderer Stelle: Welches Wissen über den Menschen, über seine Abgründe, über seine Sehnsucht und Religiosität ginge verloren, wenn es die Schizophrenie nicht gäbe?"
Forderungen an die Kirche Ist es zuviel erwartet, dass Bethels Kirchliche Hochschule in Zukunft psychoseerfahrene Menschen als Referenten und zum Gespräch über das religiöse Erleben in der Psychose einlädt und sich dafür einsetzt, dass auch andere theologische Ausbildungsstätten für Gemeindepfarrer und Seelsorger diesem Beispiel folgen? Als Hans Krieger 1990 meinen Schizophrenie- und Heilungsbericht Auf der Spur des Morgensterns - Psychose als Selbstfindung" (unter dem Anagram Schizophrenie" = Sophie Zerchin) im List-Verlag herausgab, schrieb mir Dr. Niels Pörksen: Ich weiß, wie schlimm es für alle Patienten war, dass wir als Ärzte bis in die Anfänge der 70er Jahre gelernt haben, mit psychisch Kranken möglichst nicht persönlich zu sprechen, ihre psychotischen Erlebnisse als nicht nachvollziehbar einzustufen. Sich nicht ernst genommen fühlen, hängen gelassen werden mit Ängsten und Erlebnissen, die einen überschütten, abgespeist werden mit Unverbindlichkeiten und Medikamenten - das alles ist über lange Zeit psychiatrischer Alltag gewesen." Auch wenn Bethel die wichtigsten religiösen Erfahrungen meines Lebens als geisteskrank" mit der Zwangssterilisation bekämpfte, trugen sie mich doch seit 1936 bis in mein 84.Lebensjahr. Aber ich konnte sie mir nur im Widerstand gegen die psychiatrischen und theologischen Sichtweisen erhalten. Heilung sollte aber mit der Psychiatrie gewonnen werden können. Das war zu meinen Psychiatriezeiten einer gesprächslosen Psychiatrie nicht möglich. Seit der ärztlichen Leitung durch Dr. Niels Pörksen hat sich das in Bethel geändert. Auch die religiösen Erfahrungen konnten in einer Gesprächsgruppe mit der Psychologin Renate Schernus in ihrem positiven Sinn besprochen werden. Ob auch Bethels Pfarrer solche Gesprächsgruppen anbieten, entzieht sich meiner Kenntnis. Ich wünsche mir in allen kirchlichen Psychiatrien der Diakonie und der Caritas ein christliches Menschenbild anstelle des psychiatrischen Maßstabes der NORM und ein Psychoseverständnis, das diesem christlichen Menschenbild entspricht, als Entwicklungs- und Reifungsmöglichkeit. Diese Sicht der Psychose kennzeichnet das Soteria-Modell. Sein Begründer, der amerikanische Psychiater Dr. Loren Mosher geht von den Erfahrungen und Bedürfnissen der Patienten aus, statt von den Bedürfnissen der Institutionen und ihrer Ärzte und Träger. Bisher wurde dieses Modell wohl nur von kommunalen Psychiatrien verwirklicht. Am Ende seines Lebens setzte Jesus die Solidarität mit den geringst Geachteten zum einzigen Maßstab für die Annahme des Menschen: Was Ihr einem dieser meiner geringsten Brüder getan habt, das habt Ihr mir getan." Seine Identifikation gerade mit ihnen beinhaltet auch, dass Gottes Geist nicht nur in alten Zeiten in den biblischen Gestalten wirkte. Auch sie waren auffällig geworden. Sie hörten Stimmen, erlebten Visionen, fühlten sich vom Geist getrieben. Wer als heutiger Mensch solche überwältigenden Erfahrungen macht, die der heutigen NORM erst recht nicht entsprechen, braucht das Verständnis der Theologen. Wenn Bethels Kirchliche Hochschule sie dazu befähigen könnte, wären die Leiden der in Bethel Zwangssterilisierten nicht ohne eine positive Wirkung, nicht ohne einen Sinn geblieben. Zeitdokument Zum Menschenbild in einer psychiatrischen Anstalt 1846 Im letzten Eppendorfer (6/2002, Seite 16) las ich einen Artikel von Dorothea Buck, der mich zum Nachdenken über das Menschenbild in der Psychiatrie früher und heute gebracht hat. Es ist demnach wohl eher ein Mythos, dass die Verwissenschaftlichung der Psychiatrie nur Segen gebracht hat. Was das ärztliche Bild des "Irren" angeht, gab es auch im 19.Jahrhundert schon Ärzte, die von ihren Patienten ein erstaunlich respektvolles Bild zeichneten. Ohne Zweifel würde es vielen unserer heutigen Mediziner (und natürlich auch ihren Patienten) gut tun, wenn sie sich dieser Tradition erinnerten. Kalle Pehe Dorothea Buck schreibt: Kürzlich erhielt ich einen Dokumentationsband über die Entwicklung der (Irren-) Anstalt in Schleswig von ihrer Entstehung 1820 an. Ihr erster leitender Arzt Peter Willers Jessen, der die Anstalt von 1820-1845 leitete, äußerte seine Erfahrungen mit den "Irren", wie sie damals genannt wurden, auf der Rückseite des Buchdeckels dieser hochinteressanten Dokumentation von Harald Jenner, die von der Fachklinik Schleswig 1995 herausgegeben wurde. Zitat von Dr. Peter Willers Jessen aus dem Jahre 1846: "Ich habe 25 Jahre lang einer bedeutenden Irrenanstalt vorgestanden, der für die Herzogtümer Schleswig und Holstein im Jahre 1820 errichteten Irrenanstalt bei Schleswig; ich habe mindestens 1500 Irre kennengelernt und ärztlich behandelt; ich habe unter und mit ihnen gelebt und mehr mit ihnen verkehrt, als mit Vernünftigen. Soll ich ein Urteil fällen über den moralischen Wert der Wahnsinnigen, im Vergleich mit denen, die als vernünftig gelten, so kann ich es nur fällen zugunsten der ersteren. Ich bekenne frei, daß ich Gemütskranke im allgemeinen höher achte als andere, daß ich gern unter ihnen lebe, daß ich in ihrer Gesellschaft den Umgang mit Vernünftigen nicht vermisse; ja, dass sie mir zum theil natürlicher und vernünftiger erscheinen, wie ich die Menschen im Allgemeinen finde. Ich habe Vertrauen, Wohlwollen, Liebe und Dankbarkeit in ihrer Mitte häufiger gefunden als anderswo, und jedenfalls kommt bei ihnen die wahre menschliche Natur in vielen Fällen weit mehr zum Vorschein, als in der bürgerlichen Gesellschaft, wo nur zu oft der Schein an die Stelle der Wahrheit tritt." Der ihm von 1845-1879 nachfolgende ärztliche Leiter, Julius Rüppel stellte eine Übersicht über die Beschäftigungsmöglichkeiten zusammen: "Tägliche gemeinschaftliche Spaziergänge, größere Landpartien in die Umgegend, Kegel- , Ball-, Ringspiele und dgl., mit Blumenzucht im Garten und in den Zimmern, Concerte, an den Festtagen Mittags- und Abendgesellschaften, regelmäßige Sing- und Musikübungen unter der Leitung eines Musiklehrers, für welchen Zweck fünf Fortepianos, ein Harmonium, Violinen, Handharmonika u.s.w. zur Verfügung stehen. Billard, Schach, Damen-, Kartenspiel, Tanzbelustigungen und dgl., eine reichhaltige Bibliothek, Zeitungen, belletristische Zeitschriften in deutscher, französischer und englischer Sprache." Dass aus dieser so fortschrittlich und human begonnenen "Irrenanstalt" in Schleswig von 1941-1944 über 1000 Patientinnen und Patienten als "lebensunwert" in psychiatrische Tötungsanstalten verlegt und zum allergrößten Teil ermordet wurden, ist wohl nur so zu erklären, dass mit der Krankheitsbilder- oder nosologischen Psychiatrie von Emil Kraepelin (1856-1926) der Patient zum bloßen Beobachtungsobjekt entwertet wurde, untätig im Bett nur verwahrt und mit Dauerbädern, nassen Packungen und Kaltwasserkopfgüssen traktiert wurde, ohne eines einzigen Gespräches gewürdigt zu werden, wie ich das unter einem der letzten Kraepelin-Schüler in Bethel 1936 erlebte. Dass bei dieser erzwungenen Untätigkeit und Gesprächslosigkeit der Patient nicht mehr als Mitmensch erkannt werden konnte, und besonders die LangzeitpatientInnen über diese Erniedrigung zu Verwahrungsobjekten resignierten und nun als "minderwertig" oder sogar als "lebens-unwert" galten, ist verständlich. Denn zur Kommunikation gehören Gespräche und kreative Ausdrucksmöglichkeiten.... - Ende -
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